Ein warmer Frühlingsmorgen im «Chis» zwischen Zeiningen und Wallbach, ganz in der Nähe des Rheins: Flink schiessen Uferschwalben auf der Jagd nach Insekten durch die Luft. Aus Pfützen ertönen die dumpfen Rufe der Gelbbauchunken. Ein Bruchwasserläufer rastet im Gebiet und stochert in den feuchten Schlickflächen nach Nahrung. Wildbienen schwirren über blütenreiche Brachen und lückige Ackerkulturen, während im Gras etwas raschelt: ein Hermelin auf der Jagd. Auf der extensiv genutzten Weide grasen gemächlich Schottische Hochlandrinder und schaffen mit ihrem Tritt offene Bodenstellen.
So könnte sie in einigen Jahren aussehen, die neue Naturoase in der ehemaligen Kiesgrube Chis: ein Mosaik aus grossflächigen, zeitweise wasserführenden Weihern, extensiv bewirtschafteten Äckern, Brachen und Hecken sowie Asthaufen und anderen Versteckstrukturen. Hier entsteht in den nächsten Jahren ein Kerngebiet der Biodiversität, das weit über das Fricktal hinausstrahlt. Zugleich soll die Natur über Spazierwege und Umweltbildungsangebote erlebbar werden und als Modell dafür dienen, wie Naturförderung und Nutzung im Einklang stehen. Doch der Reihe nach.
Lage des Projektgebiets Chis im Melerfeld (AG). © OSM/SB
Unerwartete Ausgangslage
Im Melerfeld zwischen Möhlin, Zeiningen und Wallbach liegt bereits das Projektgebiet «BiM – Biodiversität im Melerfeld». Der BirdLife-Naturschutzverein Natur- und Vogelschutz Möhlin wertet hier seit 2018 auf 9,5 km2 gemeinsam mit den Landwirtinnen und Landwirten die Ackerland schaft auf (siehe Ornis 5/22). Zielarten sind Feldlerche, Steinkauz, Wildbienen, Ackerflora und die Kreuzkröte, die hier vor knapp 20 Jahren verschwunden ist. Für Letztere wird schon länger ein spezieller Ansatz verfolgt: Ziel ist es, eine grosse Fläche zu sichern, um ein Kerngebiet mit hochwertigen Wasser- und Landlebensräumen zu schaffen. Darauf sollen ablassbare Weiher und zahlreiche Landstrukturen gebaut werden, wovon auch bereits vorhandene Arten wie Laubfrosch, Gelbbauchunke und weitere Amphibien profitieren.
Gesagt, getan: Als auserwähltes Gebiet rückte die knapp sieben Hektaren grosse Kiesgrube Chis in den Fokus. Dort stand die Wiederauffüllung und Rekultivierung zu Ackerland durch die Holcim Kies & Beton AG kurz vor dem Abschluss. Ursprünglich waren 1,4 Hektaren für ökologischen Ausgleich vorgesehen. Dank der Erweiterung der Trinkwasserschutzzonen wurde das Projekt jedoch grundlegend neu gedacht: Statt eines kleinen Teils sollte das gesamte Kiesgrubenareal für die extensive Landwirtschaft und die Biodiversitätsförderung genutzt werden.
BirdLife, Holcim und BiM erarbeiteten gemeinsam eine naturschützerische Gesamtgestaltung. Schliesslich konnten BirdLife Schweiz und BirdLife Aargau im Frühling 2025 eine Kooperation mit Holcim abschliessen, die Hälfte der Parzellen abkaufen und die andere Hälfte im Vorkaufsrecht sichern. Seit Sommer 2025 wird die Gestaltung Schritt für Schritt gemeinsam umgesetzt – ein Prozess, der sicher noch bis 2029 dauern wird.
Die Gestaltungsübersicht zeigt im Detail, welche Massnahmen geplant sind. © BirdLife
Einzigartige Chancen
Eine Fläche von knapp sieben Hektaren, so gross wie rund zehn Fussballfelder, lädt zum Träumen ein und bietet einzigartige Chancen. Was soll darauf alles gedeihen? BirdLife orientiert sich stets an den typischen Landschaften, Lebensräumen und Arten am Standort. Charakteristisch für das Melerfeld sind vor allem offene, strukturierte Ackerlandschaften, weshalb Blumenwiesen und Obstgärten von Beginn weg verworfen wurden. Weiher mit temporärer Wasserführung passen dagegen sehr gut ins Gebiet, da sie typisch für Auenlandschaften entlang des benachbarten Rheins sind.
Auf den humusierten Böden sind Ackerkulturen zur Förderung von Ackerbrütern ideal. Hingegen ist der Kiebitz als Brutvogel eher illusorisch, da die Kiesgrube zwischen einem Waldstück und einem Bahntrassee mit vielen horizontalen Sichtschranken eingeklemmt ist. Dafür dürften zur Zugzeit Limikolen ein solches Gebiet schätzen. Ablassbare Weiher und extensive Äcker entsprechen dem Lebensraum der Kreuzkröte, insbesondere wenn er mit einer extensiven Weide kombiniert ist. Das neue Gebiet Chis soll zudem die bereits vorhandenen Naturschutzgebiete und die Ökologische Infrastruktur im Melerfeld ergänzen. Überdies liegt es neben einem internationalen Wildtierkorridor, der die Landschaft mit einer Autobahnbrücke und zahlreichen Leitstrukturen wie Niederhecken und Weihern grosszügig vernetzt.
Erste Flächen wurden mit der «Bird&Life»-Mischung angesät. Sie bietet vor allem Kulturlandvögeln ein grosses Nahrungsangebot. © Lukas Merkelbach
Die Umsetzung des Plans ist inzwischen weit fortgeschritten: Im «Chis» entstehen auf den dafür geeigneten Böden Ackerflächen mit verschiedenen Kulturen. Dazu gehört eine Fruchtfolge mit «Bird&Life»-Rotationsbrache (siehe Ornis 2/26), Hafer, Weizen und wertvollen Ackerkulturen wie Lein, Sonnenblumen, Gründüngung und Ackerflora. Diese Kulturen werden nicht geerntet und bieten damit grosse Mengen an Struktur und Nahrung für Vögel der offenen Feldflur. Im Herbst und Winter stehen zudem den nahrungssuchenden Vögeln Stoppelfelder zur Verfügung, die in der restlichen Landschaft fast vollständig verschwunden sind. Dornige Niederhecken strukturieren das Gebiet. Auf einer grossen Kiesfläche kommen vier ablassbare Folienweiher von je 400–600 m2 zu liegen, die bereits bestehende Kleingewässer ergänzen. Über den Winter werden sie trockengelegt, damit sie ihren Pioniercharakter behalten und so optimalen Lebensraum für Kreuzkröte, Laubfrosch und Gelbbauchunke bieten. Klein- und Grossstrukturen ergänzen das Angebot.
In den letzten zehn Jahren bestand im Gebiet bereits eine Uferschwalbenwand, die diesen März saniert worden ist. Eine zweite Wand ist für das Folgejahr vorgesehen. Und nach der Abnahme des rekultivierten Bodens in rund vier bis fünf Jahren wird die andere Hälfte vom «Chis» mit Rindern und Pferden extensiv beweidet. Diese Tiere sollen nebst der Bodenbearbeitung in den Äckern weitere Dynamik in die Fläche bringen. Die Pflege teilen sich lokale Landwirtinnen und Landwirte, BirdLife und Holcim.
Links: Die bestehende Uferschwalbenwand wurde saniert. Der Bau einer zweiten Wand folgt. Rechts: Das Schwarzkehlchen hat sich bereits im Gebiet angesiedelt. © BirdLife; Beat Rüegger
Freude am Leben
Die Natur kehrt bereits zurück: Die ersten Flächen wurden mit der «Bird&Life»-Mischung angesät und ziehen zahlreiche Samenfresser wie Finken und Ammern an. Schwarzkehlchen haben sich im Gebiet angesiedelt. In spontan entstandenen Pfützen rufen Laubfrösche. Grauammern schauen auf dem Zug vorbei, Uferschwalben besiedeln die sanierte Wand und Turmfalke und Waldohreule jagen regelmässig über dem Acker.
Anfang Februar konnten unter Beteiligung von elf Institutionen aus Naturschutz, Jagd, Kiesabbau, Verwaltung und Rotary mit 70 Helfer/innen über 1300 Heckensträucher gepflanzt werden. Die grossen Weiher werden im Sommer/Herbst 2026 gebaut.
Bereits jetzt zeigt sich: Das Naturförderprojekt von BirdLife Schweiz, BirdLife Aargau, BiM und Holcim Kies & Beton AG bringt ein nächstes Stück vielfältiges Leben zurück ins Melerfeld. Grösser und reicher als ursprünglich gedacht. Lassen wir uns also im «Chis» von weiteren positiven Entwicklungen überraschen!
Lukas Merkelbach ist Naturschutzbiologe und Leiter des Naturförderprojekts «Chis» für BirdLife Schweiz. Zudem ist er BirdLife-Projektleiter für die Steinkauzförderung in der Nordwestschweiz.
Träumen erlaubt