Grosser Einsatz für eine kleine Unke

Der BirdLife-Naturschutzverein NaturPlus Fischingen hat vor 26 Jahren in Oberwangen (TG) ein Projekt für die Gelbbauchunke ge­startet und über die Jahre ein Amphibien­laich­gebiet von nationaler Bedeutung geschaffen. Das Projekt soll weiter ausgebaut werden.



Die Geschichte von heimlich lebenden Amphibien mit herzförmigen Augen und fünf tapferen Männern, die eine fast ausgestorbene Population wieder zum Leben erweckten, klingt wie der Stoff aus einem Märchen. In Oberwangen, einem Dorf der Gemeinde Fischingen (TG), ist das Märchen wahr geworden.

Es begann vor 26 Jahren, als der pensionierte Lehrer Louis Kägi in einer Fahrrinne in einer stillgelegten Kiesgrube eine kleine Population von Gelbbauchunken entdeckt hatte. Sogleich informierte er die damalige Naturschutzgruppe Fischingen über den Fund der vom Aussterben bedrohten Amphibienart. So kam es, dass sich ab dem Jahr 2000 fünf Naturschützer für die kleine Population im südthurgauischen «Tannzapfenland» engagierten und es bis heute tun. Die neusten Aufwertungen von 2025–2029 werden im Rahmen der BirdLife-Naturjuwelen plus umgesetzt (siehe Kasten).

Verschwindend kleiner Lebensraum


Gelbbauchunken kamen unterhalb von rund 700 m ü. M. einst schweizweit vor. Sie sind an Kleinsttümpel in Flusstälern, Auen, Riedgebieten, feuchten Wäldern und Rutschgebieten angepasst. Die Dynamik des Wassers in den natürlichen Lebensräumen sorgte dafür, dass immer wieder neue flache Kleingewässer entstanden, die den Tieren zum Laichen dienten. Auch abseits von Feuchtgebieten boten Regentümpel, länger stehende Pfützen und sonnige, wenig befahrene Radspuren geeignete Orte zur Eiablage.

Periodisches Austrocknen der kleinen Gewässer war zentral, da sich dadurch keine Fressfeinde wie Fische ansiedeln konnten. Die Anpassung der Unken-Kaulquappen an solche dynamischen Standorte ist perfekt: Sie ertragen warme Wassertemperaturen bis zu 36 °C, einen hohen Gehalt an organischem Material im Wasser und sogar kurzfristige Trockenheit.

Doch dann verlor die Gelbbauchunke nach und nach ihre Lebensräume. Der Verlust der dynamischen Auen und temporären Kleingewässer begann nach den grossen Flusskorrektionen im 19. Jahrhundert, nahm mit der Intensivierung der Landnutzung nach dem Zweiten Weltkrieg dramatisch zu und verschärfte sich noch ab den 1980er-Jahren. So verwundert es nicht, dass die Gelbbauchunke in der Schweiz heute auf der Roten Liste als gefährdet eingestuft ist, in manchen Regionen sogar als stark gefährdet. Daher sind selbst kleine Vorkommen mit weniger als 20 Tieren von grosser Bedeutung, womit wir wieder bei unserer Geschichte im thurgauischen «Tannzapfenland» angekommen sind. 

Jahre des geduldigen Wartens


Die Unken wurden in nur 10 cm tiefen Radspuren von Forstfahrzeugen im oberen, etwas überwachseneren Teil der Kiesgrube entdeckt. Die ca. 50 m lange und 100 m breite Grube liegt verborgen in einem Buchenwald, in dem natürlicherweise auch Ahorn, Linden und Nadelbäume vorkommen. Fichten sind hier forstwirtschaftlich stark vertreten. Wie also vorgehen, um solch eine kleine Population zu unterstützen und zu fördern?

Diego Bauer von der Naturschutzgruppe Fischingen brachte vom Amphibien-Monitoring in St.Gallen die Idee mit, Minitümpel mithilfe von Gummi-Pflasterwannen anzulegen und den Tieren so neue Laichmöglichkeiten zu bieten. 2005 waren die ersten fünf Wannen (Länge 65 cm, Breite 40 cm, Höhe 40 cm) neben den von Unken besetzten Forstfahrspuren eingegraben – und wurden sofort von den Amphibien angenommen. Freude herrschte! Der Weg zur heutigen Population von geschätzten 200 Tieren war zwar eingeschlagen, doch zunächst führte er den Verein durch Jahre des Lernens. 

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Eine Perlenkette von kleinen flachen Tümpeln, teils aus Lehm, teils mit Gummi-Pflasterwannen geschaffen, zieht sich entlang eines Feldwegs und wird von den Unken gerne als Habitat angenommen. © Nicolas Stettler


Fünf Jahre lang wurden die Wannen und Fahrspuren jeden April mit viel Aufwand gepflegt. Die Naturschützerinnen und -schützer schöpften das Wasser ab, siebten es sorgfältig und fingen es in Kübeln auf. Sie schaufelten das alte Sand-Kies-Gemisch aus und ersetzten es durch frisches Material aus der Kiesgrube, bevor sie schliesslich das gesiebte Wasser samt seinen Mikroorganismen sowie den Unken und Fadenmolchen wieder einfüllten. Fressfeinde der Kaulquappen wie Libellenlarven wurden in den 50 m entfernten grossen Weiher getragen, Bergmolche umgesiedelt.

Später setzte der Verein weitere Gummi-Pflasterwannen testweise auch in vegetationslosen kiesigen Habitaten ein, sowie in Gärten, wo man sich eine bessere Entwicklung der Tiere unter ständiger Beobachtung erhoffte. Nach Jahren des geduldigen Wartens zeigte sich jedoch: Weder die reinen Kiesflächen noch die Gärten waren für die Unken besonders geeignet. Die Unken blieben aus, die Wannen verwaisten. Entlang eines Feldwegs unterhalb des artenreichen Hangrieds, das an die Kiesgrube anschliesst, sahen die Bedingungen allerdings besser aus – ähnlich wie in den besiedelten Fahrrinnen im oberen Teil der Kiesgrube. Die Wannen wurden schliesslich an diesem Ort mit guter Besonnung und niedriger, bodendeckender Vegetation gezügelt. Der Entscheid erwies sich als goldrichtig und trägt bis heute Früchte.

Die Unken breiten sich aus


Ein wertvoller Hinweis zur Sicherheit der Gelbbauchunken kam von einem aufmerksamen Landwirt, der beobachtet hatte, wie Rabenkrähen an den Wannenrändern auf Beute lauerten. Als Gegenmassnahme dienten nun grosse Steine in den Wannen, zwischen denen ideale Versteckmöglichkeiten entstanden. Getreu dem Motto «Learning by doing» nahm das Wissen über die Ansprüche und Bedürfnisse der Unken durch praktische Erfahrung stetig zu.
 
2010 – die Projektleitung hatte in der Zwischenzeit Niklaus Schnell übernommen – befanden sich schon zwölf Lehmtümpel und elf zusätzliche Pflasterwannen entlang des Feldwegs sowie 20 weitere Lehmtümpel, 30 Gummi-Pflasterwannen und vier Metallwannen in der Kiesgrube unweit des ersten Fundes. Die Naturschützer/innen zählten ab 2010 bei den jährlichen Pflegeaktionen jeweils 40–50 Gelbbauchunken, 50–100 Larven von Gross- und Kleinlibellen, über 100 Bergmolche, 20–40 Fadenmolche, vereinzelte Grasfrösche, Erdkröten sowie etwas seltener Wasserfrösche. 

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Der Präsident von NaturPlus Fischingen, Niklaus Schnell (in der Mitte), erzählt mit Begeisterung und steckt die Helfer/innen mit seiner Tatkraft an. © Nicolas Stettler


Ab dem Jahr 2017 reorganisierte der lokale BirdLife-Naturschutzverein NaturPlus Fischingen den steigenden Pflegeaufwand: Niklaus Schnell, Präsident des Vereins, begann über die Stiftung Umwelteinsatz Schweiz mit Schulkassen zusammenzuarbeiten. Während vier bis fünf Lagerwochen pro Jahr und diversen Einzeleinsätzen haben bis heute mehr als 50 Schulklassen das mittlerweile auf zehn Personen angewachsene Kernteam des Unkenprojekts unterstützt. Auch Mitarbeitende der UBS und der Thurgauer Kantonalbank kommen seit Jahren regelmässig für einen Einsatztag ins Gebiet. Die Instandhaltung der Tümpel wird so auf viele helfende Hände verteilt. Finanziell wurde das Projekt von der lokalen Raiffeisenbank und dem Migros-Kulturprozent unterstützt.

Die Früchte des unermüdlichen Einsatzes: Die Unkenpopulation begann sichtlich zu wachsen und sich auszubreiten. Vereinzelte Gelbbauchunken wurden gar in einem Radius von zwei Kilometern in Kleinstgewässern in Dussnang und in Oberwangen nachgewiesen. Mit dem Wunsch nach einer Vernetzung der Oberwangener mit anderen Unkenvorkommen planten Niklaus Schnell und Nina Moser von BirdLife Thurgau mit Unterstützung von Jonas Barandun, dem ehemaligem Präsidenten von BirdLife St.Gallen, weitere Weiher, die 2023–2025 umgesetzt wurden. Und im Rahmen des BirdLife-Projekts «Naturjuwelen plus» sind weitere Gewässer in Planung.

Die Krönung


Ein weiterer Höhepunkt für das knapp 25-jährige Projekt erfolgte 2024 mit der Auszeichnung im «Bundesinventar der Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung». Zwei Experten begutachteten das Gebiet, das bisher keinen Schutzstatus innehat. Sie zählten rund 200 Unken – eine sehr grosse Population. Zudem leben im Gebiet eine grosse Grasfroschpopulation, kleine Populationen von Erdkröten, Wasserfröschen, Bergmolchen, Ringelnattern und Feuersalamandern sowie eine beachtliche Fadenmolch-Population, zusätzlich Zaun- und Bergeidechsen sowie Blindschleichen.

Die Punktzahl zur Bewertung als Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung war doppelt so hoch wie benötigt – ein fantastischer Erfolg! Und für den Projektleiter Niklaus Schnell auch eine Erleichterung: «Wenn das Gebiet bei der nächsten Revision offiziell in die Liste der Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung aufgenommen wird, dürfte die Zukunft des Gebiets gesichert und ihr dauerhafter Erhalt Sache des Kantons Thurgau sein», erklärt er. 

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Schüler/innen im Einsatz. © Nicolas Stettler


Gewonnen haben in Fischingen nicht nur die Gelbbauchunken. Auch der Verein NaturPlus Fischingen konnte vom Projekt profitieren: Der mit 30 Personen im Jahr 2002 gegründete Verein zählt heute bereits über 300 Mitglieder. Das oberste Ziel des Vereins – die Artenvielfalt in der Gemeinde zu fördern und zu erhalten – hat der langjährige Präsident Niklaus Schnell immer im Blick. Es finden unzählige Veranstaltungen und Arbeitseinsätze über das Jahr statt.

Im Frühling betreut NaturPlus zwei Amphibienzugstellen, mit denen sich jährlich über 7000 Tiere sicher zum Laichgewässer leiten lassen. Auf über 20 Flächen in der Gemeinde wurden Ruderalflächen, sogenannte «Biodiversitätsfenster», mit teils seltenen Wildstauden angelegt, was vor allem der Insektenwelt im Siedlungsraum zugutekommt. Ein Ringelnatter-Lehrpfad mit Informationstafeln ist entstanden, wobei der Verein erfolgreiche Fördermassnahmen für Ringelnattern, Zauneidechsen und Blindschleichen umgesetzt hat.

NaturPlus Fischingen gestaltet immer wieder Hotspots der Artenvielfalt, von denen aus sich die Arten in die Umgebung ausbreiten können. Der Verein zeigt damit, wie eine kleine Gruppe engagierter Menschen ihre direkte Umwelt nachhaltig verändern kann. Die wachsende Gelbbauchunken-Population ist das lebendige Beispiel dafür. Und weil sie nicht ausgestorben sind, rufen sie noch heute – zahlreicher denn je.

 

Dr. Anne-Lena Wahl ist Projekt­leiterin bei BirdLife Schweiz und mit Dr. Franziska Wloka zuständig für die Kampagne «Räume für die Biodiversität».

 

BirdLife-Naturjuwelen plus 


Das Gelbbauchunken-Projekt in Oberwangen wird im Rahmen des neuen Projekts BirdLife-Naturjuwelen plus ausgebaut. Im Zuge der Kampagne «Räume für die Bio­diversität» sollen 2025-2029 schweizweit verschiedene Naturjuwelen geplant und umgesetzt werden. Damit will BirdLife Schweiz mit seinen lokalen Partnern zeigen, wie die Umsetzung der Ökologischen Infrastruktur als wirksames Lebensnetz für die Natur realisiert werden kann – und gleichzeitig andere zum Mitmachen motivieren. Bei Erfahrungsaustauschen vor Ort können Projekte besucht und das Vorgehen sowie die Planung diskutiert werden.

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