Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) hat im Mai 2026 eine neue Kampagne gestartet. Autofahrende, die aus dem Süden in die Nordschweiz kommen, werden aufgefordert, mitreisende Japankäfer zu töten. Schön und gut. Der invasive Japankäfer ist jedoch längst nördlich der Alpen angekommen. In rund der Hälfte der Kantone wurde die Art bereits nachgewiesen. Im Tessin hat sie sich seit 2017 trotz umfangreicher Bekämpfung stark ausgebreitet, bis in die Alpentäler.
Ähnlich mutet der Umgang der Behörden mit der Asiatischen Hornisse an. Diese Art ist 2004 in Europa angekommen, vermutlich mit Frachttransporten in der Nähe von Bordeaux. Da ich Verwandte in Südwestfrankreich habe, beobachte ich die Entwicklung bereits seit vielen Jahren. In kurzer Zeit hat sich die Art rasch in alle Richtungen ausgebreitet: bis Portugal, Grossbritannien, Schleswig-Holstein und Ungarn. 2017 wurde sie im Kanton Jura zum ersten Mal in der Schweiz nachgewiesen. Inzwischen ist sie von Genf bis St.Gallen verbreitet. Wo die Art auftaucht, folgen mediale Aufregung und hektische Behördenreaktionen. Die Nester sind oft hoch in Baumkronen gelegen. Auch spät im Herbst werden sie noch mit grossem Aufwand zerstört. Zu diesem Zeitpunkt sind viele Jungköniginnen bereits ausgeflogen; das Vorgehen demonstriert daher guten Willen, eine wirksame Reduktion der Art findet aber kaum statt. Die Asiatische Hornisse dient zudem als Ausrede, um im Wald mehr Pestizideinsatz zu erlauben. Solche Pestizideinsätze werden nur zu Kollateralschäden, nicht aber zu einer Eindämmung der Asiatischen Hornisse führen.
Ein noch krasseres Beispiel ist die Kudzu-Liane: Nachdem sie erstmals in der Schweiz nachgewiesen wurde, finanzierte der Bund erst mal ein Monitoringprojekt, obwohl aus anderen Ländern bekannt war, wie gross das invasive Potenzial der Art ist. Mehr als zehn Jahre später musste trotzdem eine wirksame Bekämpfung beschlossen werden. In der Zwischenzeit hatte die Art sich weiter ausgebreitet. Der Aufwand ist jetzt deutlich höher, als wenn man gleich von Beginn weg gehandelt hätte.
Das Vorgehen ist symptomatisch für den Umgang der Behörden mit Neobiota: Sie werden erst aktiv, wenn der Druck – meistens von einer betroffenen Nutzergruppe – steigt. Doch dann ist es für die Ausrottung der Arten oft zu spät. Die wirtschaftlichen oder ökologischen Schäden sind erst dann wissenschaftlich bewiesen, wenn die Art schon weit verbreitet ist. Was folgt, ist ein oft jahrzehntelanger «Kampf» gegen die entsprechenden Arten, der bei genauerer Betrachtung hilflos anmutet. Die Erfahrungen in anderen europäischen Ländern zeigen eindeutig: Die Ausbreitung von Japankäfer und Asiatischer Hornisse lässt sich nicht mehr aufhalten.
BirdLife Schweiz verfällt nun aber angesichts der Herausforderungen keinesfalls in apathische Untätigkeit. BirdLife fordert schon lange viel mehr Ressourcen zugunsten der Natur, und damit auch mehr Massnahmen gegen invasive Neobiota. Aber diese müssen zielführend sein. Realistischerweise muss sich die Naturschutz-Community auf relativ wenige Arten einigen, die dann entschieden und koordiniert bekämpft werden. Dazu gehören sicher Neophyten, die ganze Lebensräume verändern, wie Götter- und Essigbaum, die nordamerikanischen Goldruten und der Japanknöterich. Sie können in wertvollen Gebieten wie Ried- oder Trockenwiesen durch intensiven Einsatz lokal praktisch ausgerottet werden. Dadurch sinkt der Aufwand in nachfolgenden Jahren stark. Japankäfer, Asiatische Hornisse und wohl auch die Rostgans gehören wohl nicht (mehr) dazu. Dieser Entscheid obliegt jedoch nicht BirdLife, sondern muss in entsprechenden Fachgremien getroffen werden.
Generell muss der Prävention mehr Bedeutung zukommen. Heute wird sehr lange gezögert, bis invasive Arten auf der Schwarzen Liste landen und der Handel verboten wird. Auch dadurch können sich Neobiota rasant ausbreiten, bevor Massnahmen greifen.
Der Geschäftsführer Dr. Raffael Ayé fasst hier die Haltung von BirdLife Schweiz zu politischen Fragen zusammen.
Eingeschleppte invasive Arten: faktenbasierter Umgang nötig