Ein Federknäuel wirbt für natürliche Gewässer

Der Zwergtaucher. Unser kleinster Taucher ganz gross: Der Zwergtaucher ist der Vogel des Jahres 2024. Verschiedenste Gewässer bieten ihm ein Zuhause, solange sie seine An­­sprüche an eine gute Wasserqualität, genügend Nahrung sowie Vegetation über und unter Wasser erfüllen. Ein Mosaik aus vernetzten Feuchtgebieten bietet ihm und vielen anderen Arten einen Lebensraum.


Stefan Greif

02.05.2024, Ornis 1/24

Ein kleiner Federball schwimmt zwischen Seerosen auf dem Teich. Plötzlich versinkt er gleichsam im Wasser und ist nicht mehr zu sehen. Wenige Augenblicke später erklingt ein durchdringendes Trillern aus dem Schilfgürtel. Die Situation ist typisch für ihn, den Vogel des Jahres 2024.

Viele haben den etwa amselgrossen Zwergtaucher wohl schon gesehen, aber vielleicht für eine kleine Ente gehalten. Er gehört jedoch nicht zu den Enten, sondern in die gleiche Familie wie der grössere und auffälligere Haubentaucher, was sich allein schon an den Füssen zeigt. Im Gegensatz zu den Enten haben die Lappentaucher keine Schwimmhäute, sondern Lappen an den Zehen. Sie sind bestens angepasst an das Leben auf und unter Wasser. Ihr dichtes Gefieder hält warm, und die am Körperende liegenden Beine bieten einen idealen Heckantrieb für die Tauchgänge. Dabei liegt der breite Körper gut im Wasser, hat aber bei angelegtem Gefieder dennoch eine ideale Stromlinienform. Ein Trick bei Beunruhigung ist das
rasche Herauspressen der Luft aus dem Gefieder, sodass der Zwergtaucher wie ein U-Boot unauffällig ins Wasser versinken kann. Damit ist er unter Wasser auch wendiger als Enten, die immer etwas gegen ihren Auftrieb ankämpfen müssen. Bei anderen Taucherarten wurde dieses Verhalten auch schon nachgewiesen.

Feinde werden abgelenkt

Bei Gefahr hat der Zwergtaucher aber auch noch andere Tricks auf Lager. Heimlich taucht er z. B. vom Nest weg und gelangt dann einige Meter entfernt wieder an die Wasseroberfläche. Um die Aufmerksamkeit vom Nest wegzulenken, stösst er nun Warnrufe aus und zeigt ein auffälliges Spritztauchen, indem er beim Abtauchen mit den Beinen seitlich schlägt. Auf der Flucht kann er auch bis zu 50 Meter weit tauchen, worauf er sich oft in der Vegetation versteckt. Um nicht aufzufallen, taucht er zuerst vorsichtig mit dem Kopf auf. Auf Nahrungs­suche hingegen sind die Tauchstrecken meist kürzer; im Schnitt taucht er 15 Sekunden in der näheren Umgebung.

Die angesprochene Stromlinienform unter Wasser würde man nicht vermuten, wenn man den Zwergtaucher an der Oberfläche schwimmen sieht, denn dann ist sein Gefieder oft aufgeplustert. Mit seinem kurzen Hals zeigt er so eine eher kugelige Gestalt, die man schon aus Distanz erkennen kann.

Im Winter bleibt das Gefieder in schlichten Brauntönen. Im Brutkleid jedoch zeigen Männchen und Weibchen dasselbe schwarzbraune Gefieder, das an Wangen und Halsseiten von einem schönen Rotbraun geschmückt wird. Auffällig ist ein hellgelber Fleck an der Basis des schwarzen Schnabels.

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Zwergtaucher im Schlichtkleid. © Stefan Wassmer

Mit der Mauser ins schönste Prachtkleid kann ab Ende März auch die Fortpflanzungszeit beginnen. Die Zwergtaucher sind dann äusserst territorial und reagieren aggressiv auf alles, was sich dem Revier oder ihren Jungen nähert. Bei Drohanflügen kann man den sogenannten Fluglauf beobachten, wo ein Zwergtaucher flügelschlagend über das Wasser auf den Eindringling zuläuft, bevor er bäuchlings wieder landet. Dabei fällt auf, wie klein die Flügel im Verhältnis zum Körper sind – der schwirrende Fluglauf ist daher auch nötig, wenn der
Vogel richtig abfliegen möchte. Neben Imponierverhalten und Drohanflügen kann der Zwergtaucher seinen Feind aber auch tauchend angreifen und von unten zwicken, bis dieser flüchtet. Nicht selten kommt es bei Grenzstreitigkeiten zu heftigen Kämpfen, die in wilden Verfolgungsjagden und Attacken münden.

Man kann Zwergtaucher das ganze Jahr über hören, ihre Rufaktivität ist aber vor allem während der Balzzeit von April bis Juni sehr hoch. Nebst kurzen Warnrufen fällt vor allem ein durchdringendes Trillern auf. Dies besteht aus einer schnellen Abfolge wie «Bi-bi-bi-bi-bi...» und kann schon von Weitem gehört werden. Es wird in Drohsituationen oder einfach nur zum Abgrenzen des Reviers geäussert, dient aber auch der Paarwerbung und -bindung. Die Balz selbst zeichnet sich, wie bei anderen Tauchern auch, durch spannende, ritualisierte Verhaltensweisen aus. Sie beginnt mit Trillerduetten zwischen den Partnern, die manchmal auch ansteckend auf benachbarte Paare wirken. Bis zu 80 Duette pro Stunde wurden während des Höhepunkts der Balz schon gezählt.

Balzen und imponieren

Bei der Schwimmbalz bewegt sich der Zwergtaucher mit schräg nach vorn gestrecktem Kopf trillernd auf seinen Partner zu. Synchrones Parallel- oder Hintereinanderschwimmen kann sich über einige Meter abwechseln. Bei der Tauchbalz wiederum treffen sich die Partner unter Wasser und tauchen Brust an Brust zusammen auf oder zeigen ein Paralleltauchen. Auch Imponierverhalten gehört mit zum Repertoire, wobei die beiden mit eingezogenem Hals, etwas angehobenen Flügeln und gesträubtem Gefieder aufeinander zuschwimmen, um sich dann in kurzer Entfernung zu umkreisen. Ihr schönes Gefieder zeigen sie sich mit gestrecktem Hals und leichtem Kopfdrehen beim Gegenüberstellen, wobei vermutlich auch der auffällige Schnabelfleck gut zur Geltung kommt.

Auch das Präsentieren von Nistmaterial ist ein wichtiger Teil der Balz. Wasserpflanzen werden dem Partner im Schnabel präsentiert oder vorgelegt. Abwechselnd nehmen die Taucher die Pflanzen auf und legen sie wieder ab, wie immer begleitet von Trillern. Letztlich wird das gezeigte Pflanzenmaterial zu einer kleinen Plattform  zusammengetragen, dem Paarungsnest. Abwechselnd springen die Vögel darauf und nehmen vom Partner weiteres Material an, bis schliesslich dort die Kopulation stattfindet. Nach aufgeregtem Trillern ist dann erstmal Baden und Gefiederpflege an der Reihe.

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Im Frühling sind Zwergtaucher territorial und reagieren aggressiv gegen Eindringlinge. © Volker Jungbluth
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Zur Balz gehören verschiedene Verhaltensweisen, so das «Wassertreten» oder das Präsentieren von Nistmaterial. © Volker Jungbluth
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© Flurin Leugger

Nach Abschluss der Balz verhält sich der Zwergtaucher deutlich heimlicher, sodass man ihn nur mit etwas Geduld sieht oder auf sein weiterhin auffälliges Trillern achten muss. Die Partner beginnen nun mit dem gemeinsamen Bau des eigentlichen Nests, das sich oft am Rand von Vegetation bzw. am seichten Ufer befindet. Das bis zu 30 cm breite Schwimmnest wird dabei aus nassen Pflanzen wie Algen, Schilf oder Binsen aufgeschichtet. Während der eine Partner Material herbeibringt, baut der andere dieses ein. Auch während der Eiablage und Brut wird am Nest weitergebaut, um jederzeit einen gewissen Schutz vor Überflutung bei Hochwasser und Starkregen sicherzustellen. Während der Brut hält sich der Partner in der Nähe auf. Oft ist er an einem zweiten «Ruhenest» beschäftigt, das später auch von den Jungen genutzt werden kann.

Fürsorgliche Eltern

Meist werden fünf bis sechs Eier gelegt und von beiden Partnern drei Wochen lang ausgebrütet. Bis Ende Juli finden in der Regel zwei Jahresbruten statt, die sich als sogenannte Schachtelbrut auch überlappen können. Obwohl die Jungen sofort schwimmen und abtauchen können, verbleiben sie die ersten Tage noch im Nest, wo sie von einem Partner gefüttert werden. Wenn einmal beide Altvögel das Nest verlassen, werden sowohl Eier als auch Jungvögel mit Pflanzenmaterial zugedeckt, um sie zu tarnen.

Anfänglich erkunden die Jungen die direkte Nestumgebung nur zögerlich. Sobald sie sechs bis acht Tage alt sind, werden sie von den Eltern immer häufiger aus der Deckung in die Welt hinausgeführt. Auch jetzt erweisen sich die Altvögel als fürsorglich und tragen die Jungen oft auf dem Rücken spazieren. Gleichzeitig füttern sie sie auch. Bei Gefahr tauchen sie sogar mit ihnen auf dem Rücken ab, wobei die Kleinen dann oft nach einigen Metern wie Korken an die Oberfläche treiben.

Nach zwei Wochen beginnen die Jungvögel, erste Nahrung selbst zu fangen; mit spätestens sieben Wochen sind sie flügge. Die Familie bleibt danach oft noch im losen Verbund bis zum Herbst zusammen, wobei die Aggressivität gegenüber anderen spätestens im August nachlässt. Wie bei vielen Tauchern tragen die Jungen anfangs noch ihr farbiges Jugendkleid. Nach und nach verlieren sie dieses jedoch und wechseln im September bis Oktober in ihr erstes Winterkleid.

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Die Jungvögel kommen auf einem Nest zur Welt, das bei Hochwasser schwimmen kann. Sie lassen sich gerne herumchauffieren. © Rolf Müller/mauritius images; David Pattyn/ mauritius images; Ralph Martin

In klaren Gewässern mit hoher Wasserqualität findet der Zwergtaucher genügend Nahrung. Er fängt vor allem Insekten und ihre Larven, so Fliegen, Libellen oder Köcherfliegen. Diese sammelt er schwimmend von der Vegetation ab oder sucht sie beim Tauchen. Aber auch mit kleinen Luftsprüngen kann er so manche Eintagsfliege akrobatisch aus der Luft schnappen. Abgerundet wird der Speiseplan mit kleinen Schnecken, Kaulquappen oder Krebstierchen. Daneben stellt er auch kleinen Exemplaren von Fischen wie Flussbarsch oder Groppe nach.

Charakterart naturnaher Kleingewässer

Der Zwergtaucher bevorzugt während der Brutzeit natürliche oder künstlich geschaffene Kleingewässer. Auch an grösseren Seen, langsam fliessenden Flussabschnitten und Alt­armen kann man ihn finden. Gemein haben diese Habitate, dass sie normalerweise eine dichte Ufervegetation aufweisen, in die sich der Zwergtaucher zurückziehen kann und an deren Rand oft das Nest liegt. Gerade an grösseren Seen können dies verlandende Gebiete sein oder Röhrichtbereiche, die immer wieder von kleineren offenen Wasserflächen durchbrochen sind. Unter Wasser findet man vielfach schlammigen Untergrund oder eine ausgeprägte Krautschicht, durch welche der Zwergtaucher auf der Suche nach Beute taucht. Charakteristisch sind zudem geringe Wassertiefen von ein bis zwei Metern und klares Wasser. Allerdings meidet oder verlässt er Gewässer, wenn der Druck durch Raubfische zu gross ist.

Der Vogel des Jahres 2024 ist bei uns ganzjährig anzutreffen und bleibt im Winter entweder in seinen Brutgebieten oder zieht über kurze Strecken auf frostsichere Gewässer wie grössere Seen oder Flüsse. Er verhält sich dann nicht mehr heimlich und territorial, sodass man manchmal grössere Ansammlungen und gar Schlafgemeinschaften beobachten kann. Auch können dann Gäste aus nördlicheren oder östlicheren Gebieten dazukommen, die bei uns durchziehen oder überwintern.

In der Schweiz ist der Zwergtaucher hauptsächlich im Mittelland verbreitet, wo er beispielsweise am Neuenburgersee einen Schwerpunkt aufweist. Er tritt jedoch auch in anderen Regionen unter 700 m ü. M. auf, so auch in den Bolle di Magadino und im Rhonetal. Gelegentlich lassen sich selbst in höheren Bergregionen wie dem Oberengadin Brutpaare entdecken. Am Grüensee im Prättigau hat er sogar schon auf 2110 m ü. M. gebrütet. An den Alpenseen nistet er gerne in Seggenbeständen.

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Zwergtaucher können sich unter Wasser sehr rasch fortbewegen und mehrere Meter tief tauchen. Dieser Vogel ist in der Vollmauser; ihm fehlen die Schwungfedern © Remi Masson/mauritius

Der Zwergtaucher zeigt uns den Weg

Der Zwergtaucher steht für ein Mosaik aus verschiedensten Feuchtgebieten, die einer Vielzahl an Arten Platz bieten. Er zeigt uns den Weg zu einem funktionsfähigen Lebensnetz und ist damit ein guter Botschafter für die Ökologische Infrastruktur. Wir müssen bestehende Kerngebiete weiter in ihrer Fläche und Qualität sichern und ausbauen, damit sie ihre essenziellen Funktionen als Rückgrat und Puffer unserer biologischen Vielfalt erfüllen. Für den Zwergtaucher sind dies die bereits beschriebenen Lebensräume, die nicht selten in wertvollen und geschützten Gebieten liegen.

Für eine Ökologische Infrastruktur braucht es aber auch neue, gut im Raum verteilte Flächen, die den Austausch zwischen Populationen gewährleisten. Der Zwergtaucher nimmt neue Gewässer gerne an. So konnten wiederholt Bruten an neu angelegten, naturnahen Kleingewässern auf Golfplätzen beobachtet werden. Auch die Wiederherstellung ehemaliger Gewässer würde ihn unterstützen.

Sowohl bei Fliess- als auch Stillgewässern ist es wichtig, den ganzen Gewässerraum zu beachten, also nicht nur das Flussbett selber, sondern auch die Uferbereiche und teils weiteres Umland. Das Gewässerschutzgesetz von 2011 zeigt auf, wie breit er sein muss. Neben einer extensiven Bewirtschaftung dürfen hier keine Pestizide und Dünger eingesetzt werden, da Wasserorganismen besonders empfindlich sind. Die Freizeitaktivitäten an unseren Gewässern werden vermutlich auch zukünftig weiter zunehmen, daher ist ein respektvoller Umgang am und im Wasser wichtig. Die verantwortungsbewusste Nutzung schliesst auch das grossräumige Einhalten von Schutzzonen ein.

Die Lebensräume des Zwergtauchers sind auch für eine Vielzahl von anderen Arten wertvoll. Wenn wir uns für den Zwergtaucher einsetzen, engagieren wir uns auch für diese. Damit begleitet uns auch sein wachsames Trillern vermehrt durch den Frühsommer und verkündet neue, gute Gebiete.

 

Dr. Stefan Greif ist Projektleiter Artenförderung bei BirdLife Schweiz.

Film und Poster

Haben Sie den spannenden Kurzfilm über den Zwergtaucher schon entdeckt? Sie finden ihn unter birdlife.ch/zwergtaucher. Auf derselben Seite können Sie zudem ein kostenloses Poster bestellen
und einen Vortrag herunterladen.

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