Starthilfe für neue Schwalben-WGs

Die Mehlschwalbe leidet unter Nistplatz- und Nahrungsmangel. Der SVS/BirdLife Schweiz, seine Landesorganisa­tionen, Kantonalverbände und Sektionen fördern die Art deshalb mit zahlreichen Massnahmen. Eine Studie und ein neues Merkblatt geben nun erweiterte und neue Hinweise für die Mehlschwalben-Förderung.


Raffael Ayé

05.04.2014, Ornis 2/14

In den letzten Jahrzehnten hat die Mehlschwalbe in der Schweiz wie im übrigen Westeuropa stark abgenommen. Zählte man in den 1990er-Jahren landesweit noch 100 000 bis 200 000 Paare, ist der Bestand seitdem um rund einen Drittel geschrumpft. Die Art steht heute auf der Vorwarnliste der Roten Liste, das heisst sie ist als «potenziell gefährdet» eingestuft. Unter anderem deshalb hatte der SVS/BirdLife Schweiz die Mehlschwalbe 2010 zum Vogel des Jahres ernannt. Am Ende des gleichen Jahres nahmen der SVS und die Vogelwarte die Art auch in die Liste der Prioritätsarten für die Artenförderung auf.

Viele Kantonalverbände und Sektionen setzen sich seit vielen Jahren für die Mehlschwalbe ein. Besonders aktiv sind die Verbände und Vereine in den Kantonen Basel-Landschaft, Zürich und Bern. Sie errichten Schwalbenhäuser, bringen Nisthilfen an und stellen einen Beratungsdienst für ihren Kanton zur Verfügung.

Schwalbenhaus Fotograf Unbek
Nicht alle Schwalbenhäuser werden besiedelt. Der Standort muss daher sorgfältig abgeklärt werden. © Christa Glauser
Schwalbenhilfen Ueli Rehsteiner
Nisthilfen an Häusern sind kostengünstiger. Kotbretter schützen die Fassade vor Verschmutzung. © Ueli Rehsteiner


Zwei neue Studien


Im letzten Jahr erarbeitete der SVS/BirdLife Schweiz im Rahmen einer Studie weitere Informationen und Grundlagen zur Förderung der Schwalbenart. Dabei fand eine Umfrage bei 47 Betreuerinnen und Betreuern von Schwalbenkolonien beziehungsweise Förderungsstandorten statt. Die Resultate werden demnächst in einer wissenschaftlichen Zeitschrift publiziert und sind zudem in das neue Merkblatt «Mehlschwalben fördern» eingeflossen, welches der SVS/BirdLife Schweiz im März 2014 publiziert hat. Zeitgleich führte die Schweizerische Vogelwarte eine «Mehlschwalbenvolkszählung» durch.

Die beiden Studien haben ergänzende Ziele. Mit der Mehlschwalbenvolkszählung möchte die Vogelwarte mehr Informationen über die regionalen Bestände gewinnen. Die Studie des SVS hingegen untersucht den Erfolg von Fördermassnahmen wie Kunstnestern und Schwalbenhäusern. Weiter nimmt sie die verschiedenen Lebensräume rund um die Schwalbenstandorte unter die Lupe. So soll geklärt werden, welche Lebensräume eine Ansiedlung von Schwalben begünstigen. Gleichzeitig erlaubt die Studie natürlich auch einen Überblick darüber, welche Förder­massnahmen bereits ergriffen wurden. Im Rahmen der Umfrage haben wir beispielsweise nur von fünf Lehmtümpeln erfahren, die für die Mehlschwalbe erstellt wurden. Im Vergleich zu dieser bescheidenen Zahl sind die über hundert gemeldeten Schwalbenhäuser geradezu kolossal. Aber wie steht es um deren Erfolg?

Erfolg der Schwalbenhäuser nicht garantiert


Die Studie des SVS/BirdLife Schweiz zeigt, dass in der Schweiz derzeit rund ein Drittel aller Schwalbenhäuser besetzt sind. Im internationalen Vergleich ist dies keine schlechte Erfolgsquote. In Holland sind gemäss einer Studie weniger als 10 Prozent der Schwalbenhäuser besetzt, in Deutschland sind es etwa 22 Prozent. Der Erfolg der Schwalbenhäuser ist also in der Schweiz etwas besser – insbesondere in einigen Regionen wie etwa dem Baselbiet, wo mehr als die Hälfte der Schwalbenhäuser besetzt ist. Zudem stehen zahlreiche Schwalbenhäuser erst seit ein bis zwei Jahren und werden möglicherweise in den nächsten Jahren noch besiedelt. 

Dennoch machen die Zahlen deutlich, dass bei einer Investition in ein Schwalbenhaus der Erfolg nicht garantiert ist. Vor dem Bau sollte man daher unbedingt Alternativen und kostengünstigere Fördermassnahmen prüfen. Vor allem der Schutz und die Förderung der bestehenden Kolonien sind zentral; die Sensibilierung der Hauseigentümer und -bewohner ist hier wohl der wichtigste Aspekt. Fast immer ein Thema ist dabei der Schutz des Hauses vor Verschmutzung. Kotbretter unter den Nestern können helfen. Auch das Anbringen neuer Kunstnester an Gebäuden ist weitaus günstiger als ein Schwalbenhaus. 

Mehlschwalbe Nisthilfe CG

Auch das Anbringen von Kunstnestern braucht etwas Vorwissen. © Christa Glauser


Mehlschwalben-Patenschaften


Stellt sich ein Schwalbenhaus als die beste Massnahme heraus, sollte der Standort sehr sorgfältig geprüft werden. Vor allem empfiehlt sich, Schwalbenhäuser im Umfeld einer bestehenden Kolonie an eine Stelle mit freiem Anflug zu stellen. Da Schwalbenhäuser oft ein Medienecho auslösen, müssen Vereine die Kosten nicht zwingend aus der eigenen Kasse berappen. Firmen können als Sponsoren auftreten, oder man verkauft Patenschaften für die einzelnen Nester. 

Wie erwähnt untersuchte der SVS in seiner Studie auch, ob und wie verschiedene Lebensraumtypen in der Umgebung des Standorts eines Schwalbenhauses oder von Kunstnestern die Wahrscheinlichkeit der Besiedlung beeinflussen. Als Umgebung wurde dabei ein Umkreis von einem halben Kilometer gewählt, denn es ist bekannt, dass Mehlschwalben einen grossen Teil ihrer Nahrung in weniger als 500 Metern Entfernung von der Kolonie fangen (selten aber auch in bis zu zwei Kilometern Entfernung). Erfasst wurden Lebensraumtypen, die wahrscheinlich ein gutes Nahrungsangebot für Mehlschwalben bieten, wie etwa Wald, Feldgehölze, Hecken, Viehweiden oder Fliessgewässer. Feuchtgebiete, die als besonders wichtige Nahrungshabitate angesehen werden, wurden in einer Entfernung von bis zu zwei Kilometern erfasst.

Nebst den über hundert Schwalbenhäusern wurden erst fünf Lehm­tümpel realisiert.


Buntbrachen und Säume besonders wertvoll


An drei Vierteln der untersuchten Standorte war im Umkreis von 500 Metern Wald vorhanden. Obstgärten, Weiden, Feuchtgebiete und Fliessgewässer wurden bei mindestens zwei Dritteln der Standorte registriert, waren also ebenfalls weit verbreitet. Bei all diesen Lebensräumen ist zu erwarten, dass sie einen positiven Einfluss auf das Nahrungsangebot für die Mehlschwalbe haben. Die statistische Analyse zeigte, dass vor allem Buntbrachen und Säume auf Ackerland einen signifikant positiven Einfluss darauf haben, ob ein Standort neu besiedelt wird. Buntbrachen und Säume auf Ackerland sind sehr wertvolle Strukturen, die zu einem guten Nahrungs­angebot für die Mehlschwalbe beitragen können – insbesondere, weil sie auch dann stehen bleiben, wenn viele Wiesen praktisch zeitgleich gemäht werden. 

Garten CG

Naturnahe Strukturen in der Umgebung der Schwalbenkolonie sind wichtig für die Nahrungssuche. © Christa Glauser


Erstaunt hat uns hingegen, dass weder Fliessgewässer noch Feuchtgebiete einen positiven Einfluss auf die Besiedlungswahrscheinlichkeit eines Standorts zu haben scheinen. Im Gegenteil: In unserem Datensatz korrelieren diese beiden Elemente mit einer geringeren Besiedlungswahrscheinlichkeit. Feuchtgebiete sind wertvolle, insektenreiche Lebensräume und es ist schlicht undenkbar, dass sie einen negativen Einfluss auf die Mehlschwalbe haben. Wahrscheinlicher ist, dass dieses Ergebnis auf weiteren Korrelationen beruht. Feuchtgebiete sind nicht zufällig über die Schweiz verteilt, und die Regionen mit solchen Lebensräumen unterscheiden sich vermutlich durch weitere Faktoren von jenen ohne Feuchtgebiete, die in unserer Studie nicht erfasst wurden. 

Die jahrelange Erfahrung verschiedener Spezialisten zeigt zweifelsfrei, dass Feuchtgebiete von Mehlschwalben gerne zur Insektenjagd aufgesucht werden. Die beiden grössten Mehlschwalbenkolonien der Schweiz liegen in Nachbarschaft des Maggiadeltas beziehungsweise der Bolle di Magadino. 

Mehlschwalbe Mathias Schaef

Etwa 700 bis 1500 – manchmal über 2500 – Lehmklumpen braucht die Mehlschwalbe, um ein Nest fertigzustellen. © Mathias Schäf


Eine letzte und besonders wichtige Erkenntnis aus der Studie ist, dass in der Schweiz erst wenige Lehmtümpel für Mehlschwalben erstellt worden sind. Weitere Lehmtümpel, mit denen auch mehr Erfahrungen in Bezug auf die geeignete Platzierung und die beste Materialmischung gesammelt werden können, sind dringend nötig. Eine noch einfachere Möglichkeit, um Nistmaterial zur Verfügung zu stellen, besteht darin, Stellen mit mineralischem beziehungsweise lehmigem Boden durch Zugabe von Wasser nass zu halten. Die Schwalben suchen sich darauf in der Umgebung selbst das geeignetste Gebäude für den Nestbau. Falls die Nester immer wieder herunterfallen, so etwa an Holzfassaden, an denen sie oft weniger gut haften, können kleine Leisten als Stützen dienen.

Lehmteich CG

Damit die Schwalben selber Nester bauen können, braucht es Stellen mit feuchtem Lehm. © Christa Glauser


Ohne Futterplätze keine Schwalben


Das Anbringen von Kunstnestern bleibt eine gute und vor allem kostengünstige Förderungsmassnahme. Während die Mehlschwalben beim Bau ihrer Naturnester den Brutplatz entsprechend ihrer Ansprüche selber wählen und deshalb die Naturnester jedes Jahr sehr gut besetzt sind, braucht es bei den Kunstnestern ein grösseres Angebot. Denn trotz vorhandenem Wissen und besten Bemühungen können wir Menschen die Standortansprüche der Schwalben nicht immer perfekt voraussagen. Ein ausreichendes Angebot an Nestern gibt den Vögeln die nötige Wahlmöglichkeit.

Das neue Merkblatt des SVS/BirdLife Schweiz stellt ausführliche Informationen und eine Checkliste für die Standortwahl und die Montage der Kunstnester zur Verfügung. Auch wird eine raffinierte Entwicklung des Natur- und Vogelschutzvereins Wasen detailliert vorgestellt: ein pflegeleichtes «Schubladensystem» für Kunst­nester. Wichtig sind neben dem Angebot von Nisthilfen aber immer auch auch Verbesserungen des Lebensraums. Diese nützen neben der Mehlschwalbe auch zahlreichen anderen Arten. 

 

Mehlschwalben Merkblatt

Materialien zur Mehlschwalbe


■ SVS-Merkblatt «Mehlschwalben fördern» (2014, 8 Seiten, in D oder F, Fr. 3.–)
■ Arbeitsdossier «Die Mehlschwalbe – Botschafterin für mehr Biodiversität im Siedlungsraum» für Schulen und Jugendliche (Fr. 20.–/Schulen, SVS-Sektionen Fr. 15.–)
■ Poster «Biodiversität im Siedlungsraum» mit Infos zum Thema Siedlungsraum (Fr. 4.–)
■ Merkblatt «Hilfe für die Mehlschwalbe» von Vogelwarte und SVS (2004, 2 Seiten, gratis)

Bestellen Sie die Materialien mit dem Talon auf Seite 31, unter www.birdlife.ch/shop oder beim SVS/BirdLife Schweiz, Tel. 044 457 70 20.

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