
Als Naturfotograf weiss man: Um jegliche Störung zu vermeiden, nähert man sich Nistplätzen nicht. Erst recht lässt man das Fotografieren bleiben. Doch manchmal sind die Umstände eben anders...
Auf einem improvisierten Parkplatz weit weg vom rollenden Verkehr mutiert ein alter, nicht mehr gebrauchter Lastwagen langsam zum rostigen Wrack. Eines Morgens entdecke ich in der Führerkabine des Vehikels eine Bachstelze, die verzweifelt nach einem Ausgang sucht. Es ist neun Uhr, und die Fenster sind fleckig; bestimmt ist der Vogel schon seit Stunden eingesperrt. Zum Glück ist die Türe nicht abgeschlossen. Ich öffne sie, und die Bachstelze entflieht ins Freie.
Noch während ich dies tue, erblicke ich ein Hausrotschwanz-Weibchen, wie es mit vollem Schnabel unter das Seitenteil des Wagens fliegt. Regelmässig kehrt es zum gleichen Ort unter dem Camion zurück. Kann es sein, dass sich hier ein Nest befindet? Das will ich genauer wissen und wechsle meine Position. Und tatsächlich: Gut versteckt im rostigen Auspuffrohr liegt das Nest. Die Rohröffnung von knapp zehn Zentimetern Durchmesser liegt etwa einen halben Meter über dem Boden. Nur etwas Moos und trockenes Gras, ein paar Zentimeter vom Eingang entfernt, lassen erahnen, was sich im Auspuff abspielt. Noch kann ich die Jungvögel weder sehen noch fotografieren. Immerhin präsentiert sich das Weibchen stets für einen kurzen Augenblick mit vollem Schnabel, bevor es ins Rohr schlüpft.


Die nächsten Tage ist das Wetter miserabel, die Lichtverhältnisse entsprechend schlecht. Das hindert mich aber nicht am Fotografieren. Ich habe nämlich beschlossen, dass dies unter den besonderen Umständen erlaubt ist. So parkiere ich mein Auto zuerst etwas entfernt, dann immer näher. Meine Präsenz stört die Fütterungen nicht im Geringsten: Das Weibchen posiert mit vollem Schnabel, schlüpft ins Rohr und bald danach wieder heraus. Manchmal trägt es einen weissen Kotballen fort und lässt ihn im Wegfliegen fallen.


Die Vögel lassen sich nicht stören
Kommen und Gehen folgen in regelmässigen Abständen. Bald kann ich die Jungvögel in ihrer Entwicklung beobachten und fotografieren. Nach und nach wagen sie sich bis zum Eingang vor, indem sie sich rückwärts bewegen. Hier entledigen sie sich ihres Kots, den das Weibchen rasch ergreift und wegbringt. Das Männchen hingegen ist nicht gerade kooperativ. Manchmal kommt es vorbei und singt, oder es posiert einfach auf der Kabine des Camions, ohne sich an der Fütterung oder der Reinigung zu beteiligen. Zweifellos hat es noch eine andere Familie in der Nähe; die Sitten der Hausrotschwänze erlauben ein solches Verhalten.
Die Jungen wachsen rasch. Durch ihre Grösse und ihre Bewegungen gerät das Nest immer näher zur Auspufföffnung. Wenn sie so weitermachen, werden sie samt Nest bald herausfallen! Ich beschliesse einzugreifen. Mit Hilfe eines Steckens stosse ich das Gelege vom Auto aus sorgfältig zurück ins Auspuffloch. So kann ich verhindern, dass die Jungvögel bald einen Sturz riskieren. Dies bleibt meine einzige direkte Intervention während der ganzen Zeit.
Tag für Tag wagen sich die Jungvögel näher zum Ausgang und mustern zunehmend neugierig ihre Umgebung. Bei Ankunft des fütternden Weibchens öffnen sich die vier Schnäbel zu grossen orangefarbenen Trichtern, in welchen die mitgebrachten Futterladungen verschwinden.
In der Zwischenzeit habe ich auch das Nest der Bachstelzen entdeckt. Es ist im Innern der vorderen Stossstange versteckt – unter Bedingungen, die nicht fotografierbar sind. Hier sind beide Adulttiere eifrig am Füttern.
Bei den Rotschwänzen entwickelt sich die Situation ganz normal – bis ich zehn Tage, nachdem ich das Nest entdeckt habe, dieses leer vorfinde. Ob wohl ein Drama passiert ist?
Nein, denn einer der Jungvögel im grau-braunen Gefieder sitzt auf dem Treibstofftank. Das Weibchen füttert ihn, doch schon wieder fliegt er weg. Nicht weit entfernt setzt er sich auf einen Kieshaufen, gesellt sich aber bald wieder zu den Geschwistern. Noch werden die Jungvögel regelmässig gefüttert, doch sie entfernen sich nach und nach vom Brutort.


Alles ist also gut gekommen – trotz der Präsenz eines kaum getarnten Wagens und eines neugierigen Fotografen. Dieser verdankt den Hausrotschwänzen glückliche Tage und eine wunderbare ornithologische Erfahrung.
Alain Saunier ist pensionierter Lehrer, Buchautor und Naturfotograf.
www.alainsaunier.com
Originaltext französisch; Übersetzung: Daniela Pauli.
Neues Leben aus dem Wrack