Gemeinsam für die Segler

Alpensegler brüten seit Jahrzehnten im Hof zu Wil, dem Wahrzeichen der Stadt Wil (SG). Als das historische Gebäude saniert werden musste, gerieten die Brutplätze der Flugkünstler in Gefahr. Dank BirdLife Wil gelang es aber, Vogelschutz und Bauvorhaben zu vereinen.


Wer im Sommer durch die Altstadt von Wil (SG) spaziert, hört sie meist, bevor er sie sieht: die Alpensegler. Mit ihrem trillernden Ruf und atemberaubenden Flugmanövern gehören sie seit Jahrzehnten zum Stadtbild. Hoch über den historischen Gassen ziehen sie ihre Kreise, schiessen pfeilschnell an den Fassaden vorbei und verschwinden dann unter den Ziegeln des Hofs zu Wil. Das markante Gebäude steht mitten in der Altstadt, seine Ursprünge reichen rund 800 Jahre zurück; heute ist der Hof ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung. Dass die Alpensegler-Kolonie auch nach einer umfassenden Gebäudesanierung weiter besteht, ist alles andere als selbstverständlich. Sie ist das Ergebnis frühzeitiger Planung, gegenseitigen Vertrauens und der Bereitschaft, gemeinsam Lösungen zu entwickeln. 

Als 2022 die dritte Bauetappe der Gesamtsanierung des Hofs zu Wil vorbereitet wurde, suchte das zuständige Architekturbüro frühzeitig den Kontakt zu BirdLife St.Gallen. Schnell wurde klar, dass das Bauvorhaben mit einem Investitionsvolumen von über 20 Millionen Franken den Lebensraum der Alpensegler und zahlreicher Mauersegler direkt betraf. Die grösste Herausforderung waren dabei nicht die baulichen Massnahmen selbst, sondern der Zeitplan: Alpensegler kehren jeden Frühling zuverlässig an dieselben Brutplätze zurück. Das Jagdgesetz (JSG) und das Natur- und Heimatschutzgesetz (NHG) schützen Brutgeschäft und Nester der Segler. Die Vögel dürfen also während der Brutzeit nicht gestört und ihre Nester grundsätzlich nicht zerstört werden. Gleichzeitig mussten im Rahmen des Bauvorhabens Gerüste erstellt, Fassaden saniert und Arbeiten koordiniert werden. Für alle Beteiligten bedeutete dies eine Planung über mehrere Jahre hinweg, bei der jede Bauetappe sorgfältig auf den Jahresrhythmus der Vögel abgestimmt werden musste.

Al Renovation Hof CJ

Die Gesamtsanierung des Hofs zu Wil erforderte eine enge Zusammenarbeit zwischen BirdLife Wil, Behörden, Architekturbüro und Bauherrschaft. © Cornelia Jenny

Mit Fachleuten von BirdLife St.Gallen, BirdLife Schweiz und dem Fachbüro VerOek wurden die Brutplätze beurteilt und geeignete Schutzmassnahmen entwickelt. Das Problem waren nicht die Brutplätze unter dem Dach selbst, die von der Renovation nicht tangiert wurden, sondern ihre Erreichbarkeit für die Vögel: Einflüge in die Brutlöcher wurden während der Arbeiten aufgrund des Gerüsts und von Netzen teils verunmöglicht. Wie konnte dieses Problem gelöst werden?

Eine zentrale Massnahme war die Montage von mehr als 40 Ersatznistkästen. Diese wurden speziell für das historische Gebäude angefertigt und den Bedürfnissen der Segler angepasst. Der Einbau erwies sich teilweise als anspruchsvoll, denn einzelne Kästen mussten in grosser Höhe an den Gerüsten befestigt werden. Ebenso wichtig war die regelmässige Kontrolle der Schutznetze an den Gerüsten. Schon kleinste Öffnungen im Netz können für heimkehrende Alpensegler zur tödlichen Falle werden, wenn sie versuchen, ihre angestammten Nistplätze zu erreichen. Die Bauleitung sensibilisierte deshalb auch die Mitarbeitenden auf der Baustelle für dieses Thema.

Während der vierjährigen Bauzeit mit mehreren Gerüstetappen, Kranmontagen und wechselnden Arbeitsbereichen blieb der Schutz der Vögel ein ständiges Thema. Entscheidend war dabei die ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen Architekturbüro, Bauleitung und dem lokalen BirdLife-Naturschutzverein BirdLife Wil. Auch die Bevölkerung verfolgte das Geschehen aufmerksam. Immer wieder meldeten sich besorgte Einwohner/innen bei BirdLife Wil, wenn sie Auffälligkeiten beobachteten. Mit Exkursionen und Medienbeiträgen informierte der BirdLife-Verein über die Massnahmen und machte auf die Bedeutung von Gebäudebrütern aufmerksam. So wurde das Sanierungsprojekt auch zu einer Gelegenheit, Wissen über Alpensegler und Mauersegler zu vermitteln. Parallel dazu führte BirdLife Wil die jährlichen Bestandesaufnahmen weiter. Diese sind bei Seglern anspruchsvoll, da die Vögel ihre Nester oft nur kurz anfliegen und von aussen kaum zuverlässige Aussagen über die Belegung möglich sind. Erst nach dem Abbau der Gerüste konnten die Kästen kontrolliert und gereinigt werden. Die Bauleitung überliess sämtliche Kästen BirdLife Wil. Viele davon fanden bereits für die Brutsaison 2026 neue Standorte an privaten Gebäuden.

AL Nistkastenmontage Hof CJ
© Cornelia Jenny
AL Birdlifewil Demontage CJ
© Cornelia Jenny
Über 40 Ersatznistkästen wurden für die Alpensegler am Hof zu Wil montiert. Nach den Bauarbeiten fanden die Nistkästen neue Standorte.


Als nach dem Abbau des Gerüstes im Frühling 2026 die ersten Alpensegler aus Afrika zurückkehrten, richteten sich viele Blicke gespannt auf den Hof zu Wil. Würden die Vögel ihre angestammten Brutplätze am Gebäude wieder annehmen? Die Antwort fiel erfreulich aus: Die Kolonie blieb erhalten. Ein eindrücklicher Beweis, dass selbst umfangreiche Sanierungen mit dem Schutz von Gebäudebrütern vereinbar sind – vorausgesetzt, Naturschutz wird von Beginn an mitgedacht.

Der Hof zu Wil zeigt beispielhaft, wie eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Naturschutzorganisationen, Bauherrschaft, Architekturbüro und Behörden zum Erfolg führt. Es soll anderen lokalen BirdLife-Vereinen, Städten und Gemeinden Mut machen, bei Sanierungen früh das Gespräch mit Fachpersonen zu suchen – denn oft lassen sich mit überschaubarem Aufwand Lösungen finden.

 

Cornelia Jenny ist Geschäftsführerin von BirdLife St.Gallen und 
Co-Präsidentin von BirdLife Wil.

 

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