Fliegen wie ein Vogel

Jubiläumsjahr. Anlässlich des 15 Jahre-Jubiläums präsentiert das BirdLife-Naturzentrum Neeracherried eine neue Sonderausstellung über den Vogelflug. Herzstück ist ein einzigartiger Flugsimulator. Aber auch im Flachmoor von nationaler Bedeutung laufen neue Projekte.


Zügig fliegt der Wanderfalke über das Neeracherried. Plötzlich beginnt er zu segeln. Er steigt an diesem sonnigen Tag zwar nicht so mühelos auf wie ein Rotmilan, doch mit wenigen Schlägen gelingt es ihm, kreisend an Höhe zu gewinnen. Bald ist er nur noch ein kleiner Punkt am Himmel. Dann geht alles sehr schnell: In einem 45-Grad-Winkel pfeilt der Vogel plötzlich durch die Luft, rast mit unglaublicher Geschwindigkeit dem Boden entgegen. Wir halten den Atem an und schauen fasziniert zu, wie sich der schnellste Vogel der Welt auf ein Beutetier stürzt. 

Man muss allerdings nicht gleich den Rekordhalter unter den Tieren beobachten, um die Faszination des Vogelflugs hautnah zu erleben. Wer hat nicht schon einmal geträumt, wie ein Mäusebussard oder ein Steinadler ohne Flügelschlag über die Landschaft zu segeln? Mit der Mühelosigkeit einer Seeschwalbe über das Wasser zu tanzen? Mit der Majestät eines Albatros die Meere zu entdecken? Mit dem Tempo eines Mauerseglers um die Häuser zu kurven? In der neuen Sonderausstellung «Fliegen wie die Vögel» im BirdLife-Naturzentrum Neeracherried wird der alte Menschheitstraum wahr: Man kann hier wie ein Vogel fliegen und das Fluggefühl am eigenen Körper erfahren.

Möglich macht dies ein einzigartiger Vogelflugsimulator, den die Zürcher Hochschule der Künste in Zusammenarbeit mit dem Natur­zentrum entwickelt hat. Mit einer neu­artigen 3-D-Brille versehen, liegen die Besucherinnen und Besucher auf dem Simulator und können mittels Körperverlagerung oder dem Bewegen der Flügel durch eine virtuelle Landschaft navigieren. Damit das Erlebnis so echt wie möglich wirkt, wird gar der Fahrtwind simuliert.

Weitere Facetten des Fliegens vermittelt der Film «Faszination Vogelflug»: Der SVS/BirdLife Schweiz hat dafür mit einer Highspeed-Kamera fliegende Vögel und Insekten gefilmt. So wird die Raffinesse und fast unglaubliche Technik der Tiere sichtbar – zum Beispiel beim Start, einem der komplexesten Manöver. Im Film ging das Team des Naturzentrums aber auch der Frage nach, was wir Menschen von den Vögeln abgeschaut haben. Zum Schluss wird der Flug der Vögel mit jenem der Insekten verglichen – mit einem verblüffenden Ergebnis. In der dazu gehörenden Sonderausstellung sieht und erlebt man zudem anhand von interaktiven Exponaten, was es alles braucht, damit die Vögel fliegen können. 

Grosses Jubiläumsprojekt


Die Sonderausstellung und der Film sind Teile des grossen Projekts «Das Neeracherried beflügeln», das der SVS anlässlich des 15-jährigen Jubiläums des Naturzentrums realisiert. Weitere Teile sind unter anderem die komplette Erneuerung der Dauerausstellung zum Thema Ried und ein besonders reichhaltiges Veranstaltungsprogramm.

Praktisch wöchentlich werden Exkursionen und Vorträge angeboten – vom Vogelflug-Referat über die Ranger-Tour bis zur Nachtschwärmer-Exkursion. Auch spezielle Anlässe für Kinder und Familien finden monatlich statt, so eine Schneckenpirsch und ein Naturforscher-Workshop.

Im Rahmen des Jubiläums­projekts sind aber auch konkrete Naturschutzprojekte im Flachmoor von nationaler Bedeutung geplant. Sie bauen auf den bereits realisierten Projekten auf, so etwa im Gebiet «Dorfwisen» gleich gegenüber dem Naturzentrum. Der SVS/BirdLife Schweiz hatte das drei Hektaren gros­se ehemalige Riedland in den Jahren 2000 bis 2002 renaturiert. Möglich war dies dank gutem Einvernehmen mit der Gemeinde Neerach und in Zusammenarbeit mit der kantonalen Fachstelle Naturschutz. Heute leben in den neu geschaffenen Flachteichen über 20 Libellenarten. Auch der Laubfrosch hat sich wieder angesiedelt: Gab es vor 15 Jahren im ganzen Neeracherried nur Einzelbeobachtungen, sind die Amphibien jetzt wieder an mindestens drei Stellen zu hören, so auch in den «Dorfwisen».

Neue Teiche, neue Brutinsel


Weitere Laubfrösche quakten letztes Jahr in den «Saumbachwiesen» in Höri am Ostrand des Gebiets. Dort hatte der SVS/BirdLife Schweiz mit einem Beitrag der Ornithologischen Gesellschaft Zürich kleine «Pilot-Teiche» angelegt, die rasch besiedelt wurden. Letzten Sommer realisierte der Verein Hotspots dann zusammen mit der Fachstelle Naturschutz und mit Unterstützung der Ala ein grösseres Projekt, in dem auf 50 Aren weitere Flachteiche angelegt wurden.

Saumbachwiesen

Im Gebiet Saumbachwiesen konnten mit der Unterstützung verschiedener Partner 50 Aren Riedland renaturiert werden. Bald werden dort wieder Laubfrösche quaken. © SVS


Jetzt gilt es, den Laubfrosch und andere Amphibienarten noch stärker zu fördern. Im Rahmen des Jubi­läums­projekts sollen daher weitere Flachteiche in der Nähe des Naturzentrums angelegt werden.

Auch für die Vögel engagiert sich der SVS/BirdLife Schweiz im Rahmen des Projekts. Denn es herrscht bei den Brutvögeln im Neeracherried nicht nur eitel Freude. Zwar konnte der ZVS/BirdLife Zürich anlässlich der Zürcher Brutvogelkartierung in den Jahren 2006 bis 2008 nachweisen, dass viele (Feuchtgebiets-)Arten wie Rohrschwirl, Feldschwirl oder Tüpfelsumpfhuhn im Neeracherried ihren kantonalen Verbreitungsschwerpunkt aufweisen. Die Gemeinde Höri mit ihren 50 Hektaren Riedland darf sich seither sogar «vogelreichste Gemeinde des Kantons» nennen. Doch die Bekassine, die vor einigen Jahren noch im Gebiet brütete, ist in der Brutzeit kaum mehr im Gebiet anzutreffen. Beim Kiebitz, der sich dank der Beweidung mit Schottischen Hochlandrindern im Jahr 2001 wieder ansiedelte, war der Bruterfolg in den letzten Jahren schlecht. Und auch die Lachmöwen brüten zwar jährlich im Gebiet, bringen aber nur alle paar Jahre viele Jungen auf. Über die Gründe kann sowohl beim Kiebitz als auch bei der Lachmöwe vorerst nur gemutmasst werden.

Der SVS mit seinem Naturzentrum bleibt deshalb am Ball: Im Rahmen des Jubiläumsprojekts hat er diesen Winter eine zusätzliche Brutinsel für Lachmöwen angelegt, und auch der Eisvogel soll im Lauf des Jahrs mit einer zusätzlichen Brutwand gefördert werden. Mittels Umwelteinsätzen mit Firmen oder anderen Gruppen sorgt der SVS zudem in Zusammenarbeit mit der Fachstelle Naturschutz dafür, dass das Ried nicht verbuscht und dass sich Neophyten nicht ausbreiten können.

Neeri Aktion Dwirz

Schülerinnen und Schüler einer Kantonsschule bei einem Arbeitseinsatz im Neeracherried. Auch Umwelt­bildung dieser konkreten Art wird vom Naturzentrum gefördert. © SVS


Ein noch immer ungelöstes Problem ist das der beiden Hauptstrassen, die das Ried in drei Teile schneiden. Der Verkehr nimmt stetig zu. Und dies, obwohl der Zürcher Kantonsrat im Jahr 2006 im Richtplan festhielt, dass die Strassen durch das Ried «kurzfristig» – das heisst in den nächsten zehn Jahren – verlegt werden müssen. Doch erst nach einem Hin und Her, nach Treffen mit den Gemeinden und einer Stellungnahme der Umweltverbände unter der Leitung des SVS, hat der Kantonsrat im Frühling 2013 ein Postulat überwiesen. Dieses verlangt, dass für die Verlegung der Strassen eine Kreditvorlage ausgearbeitet wird.

Erstaunlich ist auch, dass der Kanton für das Gebiet noch immer keine neue Schutzverordnung ausgearbeitet hat. Die entsprechende nationale Moorlandschaftsverordnung besteht bereits seit 1996, und das Neeracherried ist eines der letzten gros­sen Flachmoore der Schweiz. Trotzdem sind an einigen Stellen noch immer keine Pufferzonen ausgeschieden. Die Düngestoffe aus den angrenzenden Landwirtschaftsflächen gelangen dort ungehindert ins Ried. Nährstoff­liebende Pflanzen wie Gräser wachsen stärker und verdrängen anspruchsvolle Arten wie etwa Orchideen.

3000 Führungen


Rund 150 000 Personen haben das BirdLife-Naturzentrum Neeracherried seit 1999 besucht, das Team leitete rund 3000 Führungen, darunter 1500 mit Schulklassen. Über 100 Praktikantinnen und Praktikanten sowie Zivildienstleistende hat der SVS bereits ausgebildet, und weitere 30 Personen arbeiten ehrenamtlich im Betrieb mit. Der SVS wird sich auch in Zukunft dafür einsetzen, dass die Besucherinnen und Besucher sensibilisiert werden für den Wert und den Schutz der Biodiversität – und dass sie faszinierende Natur­erlebnisse haben können. Wie eben jenes des Wanderfalken, der übrigens trotz seines rasanten Flugs seine Beute ganz knapp verpasste.

 

Stefan Heller ist Umweltnaturwissenschafter und seit Beginn Leiter des BirdLife-Naturzentrums Neeracherried.

 

BirdLife-Naturzentrum Neeracherried


Öffnungszeiten bis Ende Oktober: 
Mittwoch 14–20 Uhr, Samstag 10–18 Uhr, Sonntag/Feiertage 8–18 Uhr.

Führungen mit angemeldeten Gruppen aller Art (Vereine, Firmen, Schulklassen, Kindergeburtstage) sind täglich möglich ausser montags.

www.birdlife.ch/neeracherried, Tel. 044 858 13 00.

Unsere Partner

(Stand Februar 2014)

Der SVS/BirdLife Schweiz dankt für die Unterstützung ganz herzlich:

Betriebsbeiträge: 
Fachstelle Naturschutz Kanton Zürich; Bundesamt für Umwelt, Abt. Arten, Ökosysteme, Landschaften

Projekt «Das Neeracherried beflügeln»: 
Lotteriefonds des Kantons Zürich; Gemeinden Neerach, Höri, Niederglatt, Niederhasli, Steinmaur; Primarschulen Höri, Neerach, Niederglatt; Ernst Göhner Stiftung; Von­tobel-Stiftung; Ella & J. Paul Schnorf Stiftung; Avina Stiftung; Zürcher Tierschutz; Migros-Kulturprozent; Werner Greminger-Stiftung; Zürcher Kantonalbank; ZVS/BirdLife Zürich; Ornithologische Gesellschaft Zürich; Orpheus Zürich; NVV Höngg; NSV Höri-Hochfelden; NVV Mellingen; NVV Obersiggenthal; NVV Wehntal; NVV Winterthur-Seen; NVV Altstetten; NV Bachsertal; NVV Bachenbülach; NV Bülach; NVV Kloten; NV Oberglatt; NVV Winkel-Rüti; NVV Wülflingen-Veltheim; Gust und Lyn Guhl-Stiftung; Carl Weber-Recoullé-Stiftung; Fleischli-Stiftung; Brander AG; Comorga AG; Digital Image Lab; Landi Züri-Unterland; Köchli AG; Print Solutions AG; Schreinerei Pavoni; WochenSpiegel Verlags AG und viele Privatpersonen.

Weitere Spenden sind sehr erwünscht auf das PC 80-69351-6 des SVS/BirdLife Schweiz, 8036 Zürich, Vermerk «Neeracherried beflügeln».

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