Eine Insel im Dürresommer

Kiebitz-Insel bei Ins (BE). BirdLife fördert den gefährdeten Kiebitz im Grossen Moos mit einer eigens für die Art konzipierten, sechs Hektaren grossen Förderfläche. Trotz Kälteeinbruch im Frühling und extremer Sommerhitze erzielte die Kolonie dieses Jahr den grössten Bruterfolg seit der Rückkehr der Watvögel in die Region.



Das Grosse Moos beherbergt bei Ins (BE) die bedeutendste Kiebitzförderfläche der Schweiz: ein kleinräumiges Mosaik aus nassen Rinnen, offenem Boden und beweideten Flächen, wie es in der intensiv genutzten Kulturlandschaft hierzulande sonst nicht zu finden ist. BirdLife Schweiz hat diese sechs Hektaren grosse Fläche eigens für die Förderung des bedrohten Watvogels entwickelt (siehe Ornis 1/26). Seit diesem Jahr schützt BirdLife die Kolonie zudem durch den ersten fuchssicheren und fixen Kiebitzschutzzaun der Schweiz. Diese Kombination hat sich 2026 – in einer Saison der Extreme – bewährt. Auf einen Kälteeinbruch zum Schlupftermin, der fast alle Küken der Erstbruten verenden liess, folgte einer der heissesten und trockensten Sommer seit Messbeginn. Dass die Kolonie ihn erfolgreich überstand, verdankt sie vor allem der Qualität der Förderfläche. Am Ende steht der grösste Bruterfolg seit der Rückkehr des Kiebitzes ins Grosse Moos vor gut zehn Jahren: 36 flügge Jungvögel bei 31 Brutpaaren konnte BirdLife dieses Jahr zählen. Mehr als in den letzten drei Jahren zusammen!

Schon vor 2026 war die Fläche bei Ins dank temporärer Wiedervernässung, Beweidung und einem strukturreichen Relief das qualitativ hochwertigste Kiebitzgebiet der Schweiz. Doch ein Puzzlestück fehlte: der zuverlässige Schutz vor Bodenprädatoren. Der bisherige mobile Litzenzaun war aufwendig im Unterhalt und dennoch nicht fuchssicher. 2024 endete mit einer Nullrunde, auch 2025 fielen praktisch sämtliche Erstgelege dem Fuchs zum Opfer. Es brauchte eine andere Lösung.

Dauerhafter Schutz


Anfang 2026 hat BirdLife Schweiz diese Lösung nach einem dreijährigen Prozess gebaut. Der neue Fix-Zaun umschliesst die Fläche permanent und hält Bodenprädatoren fern. Er besteht aus Knotengeflecht auf Aluminiumpfosten, ist 1,70 Meter hoch und wird auf rund 1,90 Metern von einer zusätzlichen Litze überspannt. Dazu kommen zwei stromführende Litzen, wo das provisorische System deren zehn brauchte. Ein ausgedientes Förderband entlang der Zaunlinie verhindert, dass Vegetation ins Geflecht einwächst. Statt wöchentlich musste der Zaun diese Saison nur viermal ausgemäht werden. Das bedeutet weniger Aufwand und vor allem weniger Störung für die Brutkolonie.

 

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Der erste fuchssichere und fixe Kiebitzschutzzaun der Schweiz schützt die Kolonie nachweislich. © Fredrik Maag


Realisiert wurde der Zaun von einer deutschen Fachfirma, die diesen Zauntyp bereits an mehreren Orten errichtet hat. Lokale Landwirtschaftsbetriebe unterstützten die Arbeiten mit Maschinen und Personal. Das Wetter verzögerte den Beginn der Arbeiten um drei Wochen, sodass erst Mitte Februar gebaut werden konnte – bei Schneefall, Bise und wassergesättigtem Boden. Fertig wurde der Zaun am 6. März, gut zwei Wochen nach dem Eintreffen der ersten Kiebitze.

Bereits am 13. Februar wurden drei Pappeln gefällt. Über Jahre war von dort aus wiederholt Prädation durch Rabenkrähen, Sperber und Habicht festgestellt worden. Kiebitze meiden solche Vertikalstrukturen konsequent und halten zu einzelnen Bäumen oft bis zu 150 Meter Abstand. Rund eine Hektare Förderfläche blieb deshalb zuvor in Ins de facto ungenutzt.

Grubbern, walzen, pflügen


Auch der Lebensraum – das zentrale Element der Kiebitzförderfläche – konnte dieses Jahr nochmals optimiert werden: Mit dem Bewirtschafter hat BirdLife die Fläche teils gegrubbert (den Boden gelockert, ohne ihn zu wenden), teils angewalzt und teils gepflügt. So entstand ein Mosaik aus flachen Rinnen, die sich mit Wasser füllten, erhöhten «Dämmen» und feinkrümeligen Flächen. Genau diese nassen und trockenen Bereiche brauchen Kiebitze: offenen Boden für die Nestmulde und feuchte Senken, in denen die Küken Nahrung finden.

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© Lucas Lombardo
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© Lucas Lombardo
Kiebitze brauchen offenen Boden für die Nestmulde und feuchte Senken, in denen die Küken nach Nahrung stochern können.


Rasch zeigte sich, dass dieses Prinzip auch anderen Arten behagt. Über zwei Wochen lang rasteten mehr als 80 Kampfläufer auf der Fläche. Dazu kamen ein balzender Flussregenpfeifer, Bekassinen, Temminck- und Alpenstrandläufer sowie Bruch- und Waldwasserläufer – eine bemerkenswerte Vielfalt an Limikolen für eine Fläche fernab grosser Feuchtgebiete und der Meeresküste.

Wie verlief nun die Brutsaison 2026? Am 24. Februar traf ein erster Trupp von 60 Kiebitzen ein, noch mitten während der Bauarbeiten. Am 7. März rasteten bereits über 300 Tiere auf und um die Fläche. Stationär blieben rund 60 bis 70 Vögel. Am 15. März dokumentierten wir das erste Vollgelege – rund zwei Wochen früher als in den vergangenen Jahren.

Der April machte die erste Hoffnung indes zunichte. Nach einem sehr milden Vorfrühling folgte eine ausgeprägte Kälte- und Trockenperiode mit Bise, klaren Nächten und wiederholtem Bodenfrost – genau zur Schlupfzeit. Geschlüpfte Kiebitze verlassen das Nest sofort und suchen ihre Nahrung selbst, können ihre Körpertemperatur aber noch nicht halten. Damit sie nicht auskühlen, müssen sie vom Weibchen gehudert, also unter dem Gefieder gewärmt werden. Doch wer gehudert wird, kann nicht gleichzeitig fressen. Je länger die Kälte anhielt, desto häufiger mussten die Küken den Schutz des mütterlichen Gefieders verlassen. Fast alle Küken der Erstbruten starben innert fünf Tagen. Aus Süddeutschland berichteten mehrere Koloniebetreuende von ähnlichen Verlusten.

Und doch gab es schon in dieser Phase etwas Positives festzuhalten: Keine der Wildtierkameras zeigte einen Bodenprädator, auch Trittsiegel wurden keine gefunden. Das Feldteam dokumentierte keine einzige Nestprädation – ein deutlicher Hinweis auf die Wirkung des neuen Fix-Zauns und der gefällten Pappeln. Erstmals legten die Kiebitze auch Nester in jenem Bereich der Fläche an, den sie wegen der Pappeln zuvor gemieden hatten. An potenziellen Prädatoren mangelte es dennoch nicht. Milane und Mäusebussarde waren Dauergäste, mehrmals täglich versuchte ein Wanderfalke sein Glück, dazu kamen Möwen, Krähen und Kolkraben.

Ersatzgelege in der Gluthitze


Nach dem Verlust der Erstbruten schritten die Paare zu Ersatzgelegen. Entsprechend spät und in einem der extremsten Sommer, den Europa je erlebt hat. Das Problem ist bei solchem Wetter nicht nur die Hitze: In steinharten, ausgetrockneten Böden können die Küken nicht nach Nahrung stochern. Regenwürmer und Bodeninsekten ziehen sich in tiefere, feuchte Schichten zurück. Andernorts in der Schweiz führte dieser Umstand in praktisch allen Gebieten zu massiven Ausfällen, in vielen Fällen sogar zu «Nullrunden».

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Die wassergefüllten Rinnen und Senken erwiesen sich im Extremsommer als matchentscheidend für das Überleben der Küken. © BirdLife


In Ins hingegen wuchsen die Küken auf. Während die umliegenden Felder verdorrten, sorgte die Wiedervernässung dafür, dass die Rinnen und natürlichen Senken der Förderfläche Wasser führten und die Feuchtigkeit im Boden erhalten blieb. Wo Wasser steht, bleiben Insekten, Würmer und andere Bodentiere erreichbar. Am Ende der Saison stand in Ins der grösste Bruterfolg seit der Rückkehr des Kiebitzes ins Grosse Moos vor gut zehn Jahren. Verantwortlich ist das Zusammenspiel der Massnahmen: das strukturreiche Relief, die Wiedervernässung, die Beweidung durch unsere Schottischen Hochlandrinder, die gefällten Pappeln – und der fuchssichere Zaun.

Eine solch florierende Kolonie zieht auch Menschen an. Über die Saison kamen zahlreiche Beobachtende nach Ins, dazu Schulklassen und geführte Exkursionen. Wer hier über die Fläche blickt, sieht und hört, was in der Schweizer Kulturlandschaft kaum noch vorkommt: balzende und brütende Kiebitze, Küken zwischen wassergefüllten Rinnen und zahlreiche rastende Limikolen. Auch Schafstelzen und weitere Arten nutzen die Kiebitz-Insel als Brut- oder Jagdhabitat. Verändert hat sich 2026 übrigens auch die Erfolgskontrolle. Bisher liess sich die Kolonie auf der weitgehend ebenen Ackerfläche von aussen gut überblicken. Im neuen Relief mit Rinnen, Erdwällen und wassergefüllten Senken sind nun viele Nester vom Rand aus unsichtbar. Erstmals in der Schweiz kam deshalb eine Wärmebilddrohne für die Kiebitz-Erfolgskontrolle zum Einsatz. Sie erfasst die Fläche von oben und macht brütende Altvögel wie auch Küken über ihre Körperwärme sichtbar – schnell und ohne die Kolonie zu betreten. 

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Sogar Schulklassen besuchten die Kiebitz-Insel, um den Vögeln beim Balzen zuzusehen. © Jan Rudolf von Rohr


Der Erfolg ist das Ergebnis jahrelanger Detail­arbeit, vieler Anpassungen und insgesamt eines konsequenten Artenförderungsprojekts von BirdLife und Partnern. Die Saison 2026 zeigt, was diese Arbeit bewirken kann: 36 Jungvögel wurden flügge, trotz Kälteeinbruch, Dürre und Hitze.

 

Lucas Lombardo ist Projektleiter Artenförderung bei BirdLife.

 

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