Neeracherried
Soll ich jetzt in das rechte oder das linke Tal fliegen, um zu meinem Winterquartier zu gelangen? Wo hat es wohl ein Rastgebiet? Vor solchen Entscheidungen stehen Zugvögel, wenn sie unser Land überqueren. Im BirdLife-Naturzentrum Neeracherried kann man jetzt gleich selber in die Haut eines Kiebitzes schlüpfen und erleben, wie Zugvögel es schaffen, ihr Ziel zu erreichen. Möglich macht es die neue grosse Sonderausstellung «Vogelzug erleben». Extra dafür hat BirdLife Schweiz gar einen Zugvogel-Simulator entwickeln lassen, der weltweit einmalig ist: Mit VR-Brille ausgerüstet, macht man sich als Kiebitz auf die Reise. Man muss hohen, verglasten Gebäuden ausweichen, darf vom Schrot der Jäger nicht getroffen werden und steht am Schluss vor der schwierigen Aufgabe, ein geeignetes Rastgebiet zu finden.
Der Entwickler Fabian Troxler hat für BirdLife Schweiz schon den Simulator «Birdly Insects» realisiert, mit dem man als Schmetterling durch eine Blumenwiese fliegt. Für den neuen «Birdly Migration» hat sich das Team seiner Firma Somniacs über mehrere Monate mit der Welt der Zugvögel befasst. Ukrainische Digitalkünstler haben die Modelle der Vögel erschaffen, denen man unterwegs begegnet. Mit Hilfe von Videos und vielen Bildern haben sie unter anderem den Kiebitz und den Grossen Brachvogel digital modelliert und deren Flug, aber auch typische Verhaltensweisen «nachgebaut»: Zum Beispiel trommelt der Kiebitz im Rastgebiet mit dem Fuss auf den Boden, um Würmer hervorzulocken.
Entwicklung Fabian Troxler
Montage Samuel Robin Patrick
Dom Escher Kiebitz Bekassine
Monatelange Aufbauarbeit für die neue Sonderausstellung im BirdLife-Naturzentrum Neeracherried: Programmierer bei der Entwicklung des Vogelzug-Simulators und beim Aufbau der interaktiven Ausstellungselemente. © BirdLife
Idee der Simulation ist es, dass sich die Besuchenden ganz wie ein Kiebitz fühlen, dass sie in dessen Welt eintauchen und begreifen, wie schwierig es sein kann, als Zugvogel unterwegs zu sein. Absolut faszinierend ist es, dass man sogar im Schwarm fliegen kann. Technisch ist dies sehr anspruchsvoll, gerade auch weil Kiebitze in ständig wechselnden Formationen fliegen. In der Simulation soll der Flug der Kiebitze natürlich wirken; die Vögel dürfen nicht mit Hindernissen kollidieren und sollen zur «Hauptfigur» und auch untereinander einen arttypischen Abstand einnehmen. Hier kamen die Fachleute von BirdLife Schweiz ins Spiel, die zusammen mit den Entwicklern in stundenlanger Arbeit die Flugbewegungen analysierten und das Verhalten der digitalen Vögel justierten.
Der Kiebitz ist am Tag und im Schwarm unterwegs, doch eigentlich zieht die Mehrheit der Zugvögel in der Nacht und alleine. Darum läuft im Kinoraum des BirdLife-Naturzentrums Neeracherried ein Multimedia-Erlebnis zum nächtlichen Vogelzug. Man fliegt mit dem Neuntöter mit und erfährt, wie er sich in der Dunkelheit orientiert und wie er es schafft, in mehreren Etappen bis ins südliche Afrika zu gelangen. In den Alpen kommt er dabei in ein heftiges Gewitter. Die Zugroute des Neuntöters von Europa nach Afrika lässt sich auch bei einem weiteren Ausstellungsmodul verfolgen: Auf einem grossen Vogelzug-Modell können die Wanderungen von zehn Vogelarten eingeblendet werden, zudem die wichtigsten Rastgebiete und Zugrouten von Russland bis nach Südafrika und die wichtigsten Hürden wie z. B. die Vogeljagd im Mittelmeerraum und die Wüstengebiete.
An den weiteren Ausstellungsstationen geht es beispielsweise um die Zugvorbereitungen: Wie schaffen es die Vögel, so rasch so viel Fett anzufressen? Oder um die Anstrengung beim Fliegen: Wer schlägt die Flügel so schnell wie eine Rauchschwalbe? Thematisiert werden auch weitere Aspekte des Vogelzugs und des Schutzes der Zugvögel. Zur Sonderausstellung gehören auch eine Ausstellungsbroschüre, Workshops und Materialien für Schulklassen sowie ein Rahmenprogramm mit monatlichen Zugvogel-Exkursionen und -Präsentationen.
Der «Held» der Sonderausstellung, der Kiebitz, wird aber hoffentlich diesen Frühling im Neeracherried auch live wieder brüten und von den Beobachtungshütten aus bei seinen Flugspielen und beim Brutgeschäft gut zu beobachten sein.
BirdLife Schweiz setzt sich im Neeracherried, aber auch in der ganzen Schweiz und darüber hinaus mit aller Kraft dafür ein, dass die Zugvögel ein Netz von Brut-, Rast- und Überwinterungsgebieten vorfinden.
BirdLife-Naturzentrum Klingnauer Stausee. © BirdLife
Klingnauer Stausee
Der Vogel des Jahres 2026 – der Eisvogel – fühlt sich am Klingnauer Stausee besonders wohl und kann hier mit grosser Wahrscheinlichkeit beobachtet werden. Das BirdLife-Naturzentrum bietet eine Reihe von Exkursionen und auch Kinder-Nachmittage rund um das fliegende Juwel an. Zudem gibt es neu eine Führung für Gruppen speziell zum Eisvogel. Dabei erfahren die Teilnehmenden mehr über seinen Lebensraum, seine Lebensweise und wie man ihn beobachten kann.
Auf dem Erlebnispfad beginnt nun die beste Zeit für Tierbeobachtungen. Wasserfrösche, Ringelnattern und Libellen bevölkern nach und nach die Teiche. Im vergangenen Herbst hat das BirdLife-Naturzentrum neue Tümpel angelegt. So besteht nun die Chance, dass auch die Gelbbauchunke zurückkehrt. Wer sich vertieft mit den Arten befassen möchte, dem sei eine der zahlreichen Veranstaltungen empfohlen. Der Erlebnispfad kann während der Öffnungszeiten aber auch auf eigene Faust erkundet werden.
BirdLife-Naturzentrum La Sauge. © BirdLife
La Sauge
Im Frühling des Jubiläumsjahrs bietet das Team des BirdLife-Naturzentrums mehrere Exkursionen in der Umgebung von La Sauge an – sei dies ein Besuch der Kiebitzförderflächen von BirdLife im Grossen Moos oder auch das Kennenlernen der Reiskulturen am Mont Vully, wo der Bioanbau und die Förderung der Biodiversität in überfluteten Flächen im Einklang stehen. Im Programm ist auch ein frühmorgendlicher Spaziergang im Auenwald und im Ried bei La Sauge – eine einmalige Gelegenheit, Gartengrasmücke, Nachtigall, Rohrschwirl und Pirol zu hören oder sogar zu sehen. Um die Vernetzung der Lebensräume für Wildtiere im Seeland geht es im Vortrag der Säugetierspezialistin Irene Weinberger. Sie wird einen Einblick in die verborgene Welt verschiedener Kleinsäugerarten geben und deren Bedürfnisse in einer von Menschen stark geprägten Kulturlandschaft aufzeigen.
Frühlingsmarkt des Naturzentrums Pfäffikersee. © NZ Pfäffikersee
Pfäffikersee
Das facetten- und erlebnisreiche Angebot für die ganze Familie lässt sich besonders gut am Frühlingsfest des Naturzentrums Pfäffikersee erkunden. Zu Gast ist das Projekt «Sounding Soil». Hier wird das geheimnisvolle und vielfältige Leben kleiner Bodentiere hörbar gemacht, wobei die Besucher/innen Frassgeräusche, die Fortbewegung und die Kommunikation der Tiere wahrnehmen können. Sie erfahren, wie ein gesunder Boden klingt und entdecken die verborgene Welt unserer Böden. Oder man kann vom Land zum Wasser wechseln: Auf einer Bootstour mit dem nostalgischen Linienschiff Hecht lässt sich in Geschichten aus der Natur des Schutzgebiets Pfäffikersee eintauchen. Das Frühlingsfest findet am Sonntag, 3. Mai 2026 von 10 bis 17 Uhr statt.
Stefan Heller leitet die Abteilung Naturzentren bei BirdLife Schweiz und ist der Leiter des BirdLife-Naturzentrums Neeracherried. Mitarbeit: Carl’Antonio Balzari, Petra Zajec, Dr. Antonia Zurbuchen
Öffnungszeiten
BirdLife-Naturzentrum Neeracherried:
Mi 14–20 h, Sa 10–18 h, So/Feiertage 8–18 h
BirdLife-Naturzentrum La Sauge:
Mi–So und Feiertage: 9–18 h
BirdLife-Naturzentrum Klingnauer Stausee:
Mi/Fr 13–18 h, Sa/So/Feiertage 9–18 h
Naturzentrum Pfäffikersee:
Mi 13–17 h, Sa/So/Feiertage 10–17 h
Herzlichen Dank!
Die neue Sonderausstellung «Vogelzug erleben» ist ein gemeinsames Projekt der BirdLife-Naturzentren Neeracherried, La Sauge und Klingnauer Stausee. Die Sonderausstellung wird je zwei Jahre in jedem der drei BirdLife-Naturzentren zu sehen sein.
BirdLife Schweiz dankt den folgenden Institutionen sowie vielen Privatpersonen ganz herzlich für die grosszügige Unterstützung:
Gemeinnütziger Fonds des Kantons Zürich
Swisslos-Fonds Aargau
Loterie Romande
Bundesamt für Umwelt BAFU
Gemeinden Neerach, Höri und Niederglatt
Neerach Kultur
Ernst Göhner Stiftung
Asuera Stiftung
Haldimann-Stiftung
Ella & J. Paul Schnorf Stiftung
E. Fritz und Yvonne Hoffmann-Stiftung
Stiftung Temperatio
Drei Jubiläen und viel Neues