Dornröschen, wach auf!

Hecken-Aktion. BirdLife Luzern hat vor vier Jahren ein Projekt gestartet, um möglichst viele Hecken im Kanton Luzern ökologisch aufzuwerten. Mehrere hundert Bauern haben bereits einen Heckenkurs besucht. Mindestens 122 Kilometer Hecken werden bei Projektende aufgewertet sein.


Wir stehen in einer schönen Heckenlandschaft oberhalb des Dorfes Oberkirch im Kanton Luzern. Es ist Februar, auf den Feldern liegen noch Schneereste. Plötzlich startet ein Motor, und Lärm setzt ein: Ein Traktor mit einer grossen Greifzange macht sich an einer Hochhecke mit schönen alten Eichen zu schaffen. Soll hier wieder eine Hecke gerodet werden? Keine Angst – es ist nur eine Demonstration während eines Hecken-Pflegekurses im Rahmen des Pro­jekts «Dornröschen – wach auf!».

Im Kanton Luzern existieren gut 10 000 Hecken mit einer Gesamtlänge von 1400 Kilometern. Vor einigen Jahrzehnten waren es noch viel mehr, aber wie vielerorts wurden die Hecken gerodet, weil sie einer rationellen Landbewirtschaftung im Wege standen oder weil die Fläche überbaut wurde. Dies ist aber nur das eine Problem. Das andere ist die Qualität der Hecken: Vögel wie Neun­töter, Dorn- und Gartengrasmücke oder Goldammer bevorzugen teils breite Hecken mit vielen Dornensträuchern, welche Deckungsmöglichkeiten für die Nester und Jungvögel bieten. Eine vielfältige Kraut- und Strauchschicht bietet zu jeder Zeit Nahrung, wie auch ein breiter Krautsaum entlang der Hecke. 

Neuntoeter Lorenzheer

Neuntöter brüten in artenreichen Hecken. © Tero Niemi


Leider sind solche vielfältigen Hecken selten geworden: Eine Untersuchung in den 1990er-Jahren zeigte, dass nur noch eine Minderheit der Luzerner Hecken strukturreich ist, und dass rund ein Viertel vorwiegend aus einer einzigen Strauchart, meist Hasel, besteht. 

Grund genug also für BirdLife Luzern, den Kantonalverband des SVS/BirdLife Schweiz, eine grosse Kampagne zu starten. Vor vier Jahren war es soweit: Das Projekt «Dornröschen – wach auf!» wurde ins Leben gerufen. Das Ziel: möglichst viele Hecken ökologisch aufzuwerten und die Landwirte für das Thema zu sensibilisieren. Ein­bezogen wurden von Anfang an die Möglichkeiten der Heckenförderung im Rahmen der Schweizer Agrar­politik. 

Hecke Urs Mueller

Hecken mit eingestreuten alten Bäumen bieten zahlreichen Vogelarten Nistgelegenheiten, ihre Pflege ist aber auch besonders aufwändig. © Georges Müller


Da in der ganzen Schweiz viele Hecken und andere Biodiversitäts­förderflächen eine geringe ökologische Qualität aufweisen, hat der Bund 2001 die Öko-Qualitätsverordnung (ÖQV) verabschiedet. Dank dieser erhalten Landwirte, deren Hecken gewisse Qualitätskriterien erreichen, höhere Beiträge (siehe Kasten). Im Rahmen der neusten Agrarpolitik 14/17 ist das System weiter ausgebaut worden; Hecken mit ÖQV-Qualität haben im neuen System die Qualitätsstufe II.

Obwohl für solche qualitativ hochwertigen Hecken ansehnliche Flächenbeiträge ausbezahlt werden, wurden jedoch anfänglich nur sehr wenige Hecken angemeldet. Tatsächlich ist es oft aufwändig, eine monotone Hecke so weit aufzuwerten, bis sie die Qualitätskriterien erfüllt. Genau hier aber setzt nun das Projekt «Dornröschen – wach auf!» an. Im Jahr 2009 setzte sich BirdLife Luzern das Ziel, dass im Kanton innert weniger Jahre 120 Kilometer Hecken aufgewertet und als Hecke mit Qualitätsstufe II angemeldet werden. 

Breite Unterstützung 


Die Projektidee von BirdLife Luzern fand schnell Unterstützung bei der Revierjagd Luzern und bei der Dienststelle Landwirtschaft und Wald des Kantons Luzern. Die wichtigsten Projektpartner sind aber seit Beginn die Luzerner Landwirte. Diese sollen motiviert werden, vermehrt auf die Qualität ihrer Hecken zu achten. Dazu dient unter anderem die Projekt-Website, die schon bald nach dem Start aufgeschaltet wurde. 

Um die Bekanntheit des Projektes Dornröschen zu steigern, erhielten darauf alle Landwirte im Kanton einen Flyer. Zudem gab es im Rahmen des Projektes eine Starthilfe: Sobald die Hecke eines Landwirts die nötige Qualität erreicht, bekommt er nicht nur die höheren Bundes­beiträge, sondern pro Laufmeter Hecke eine einmalige Belohnung von einem Fünf­liber. Die finanziellen Mittel für den ersten Teil übernahmen in grosszügiger Weise die Albert Koechlin Stiftung, der Fonds Landschaft Schweiz, der Kanton und die Rudolf C. Schild Stiftung. Ihnen allen sei herzlich gedankt.

Wie muss nun eine Hecke gepflegt werden, damit alle Qualitätskriterien erfüllt werden? Antwort auf diese Frage erhalten die Landwirte in Heckenpflegekursen, die BirdLife Luzern zusammen mit dem Verband Luzerner Wald­eigentümer regelmäs­sig anbietet. Die traditionell praktizierte Pflegeart des «Auf-den-Stock-Setzens», bei der man einen ganzen Hecken­abschnitt vollständig zurückschneidet, ist kontraproduktiv. In solchen Hecken nehmen schnellwüch­sige Arten wie Hasel überhand und dominieren bald die ganze Strauchschicht. Um hingegen eine artenreiche Hecke zu erhalten, müssen die schnell wachsenden Arten wie Hasel oder Esche im Winter selektiv zurückgeschnitten werden, damit schwach wachsende und dornen­tragende Arten mehr Licht bekommen. Dieser Prozess kann mehrere Jahre dauern; oft müssen fehlende Arten noch nachgepflanzt werden. 

Feldhase Neusiedlersee Rolfkunz
© Rolf Kunz
Melanargia Galathea Akrebs
© Albert Krebs
Hecken bieten Lebensraum für Feldhasen und Schmetterlinge wie das Schachbrett.


Effizient, aber richtig


Ist die Artenvielfalt einmal erreicht, können Hecken mit Hilfe von Fräsen oder Häckslern zurückgeschnitten werden. Dies empfiehlt sich besonders bei Dornenhecken. Das Bild einer auf diese Art frisch gepflegten Hecke mag zwar Passanten erschrecken, denn die vielen schräg abgeschnittenen und ausgefransten Äste bieten einen unschönen Anblick. Im Frühjahr schlagen die Sträucher aber an unzähligen Stellen neu aus und bilden dichte Gehölze, die von den Vögeln gern als Brutstandort angenommen werden.

Wie sieht die Bilanz nach vier Projektjahren aus? Bereits haben sich mehrere hundert Landwirte an Heckenkursen ausbilden lassen. Bis im Frühling 2014 haben die Luzerner Landwirte insgesamt 122 Kilometer Hecken zur Aufwertung angemeldet. Damit ist das Bewusstsein bei den Akteuren geschaffen oder bestärkt worden, dass eine arten- und strukturreiche Hecke ein ökologisch sehr wertvoller Lebensraum ist, der aber eine zielgerichtete Pflege braucht. 

Heckenpflege

Förster und Landwirte erfahren in einem Kurs in Dagmersellen, wie man die Biodiversität der Hecken fördert. © Markus Schmid


Besonders erfreulich ist, dass bei 52,7 Kilometern Hecken die Qualitätsstufe II schon erreicht wurde. Das bedeutet, dass der Dornenanteil erhöht wurde, Kleinstrukturen wie Ast- und Steinhaufen angelegt und monotone Hecken mit Pflegeeingriffen und Ergänzungspflanzungen in arten­reiche Hecken überführt wurden. 

Schulklassen pflanzen Hecken


Bei der Aufwertung haben auch lokale BirdLife-Sektionen und Jagdvereine Hand angelegt. Ergänzend hat die Albert Koechlin Stiftung ein Schüler-Heckenprojekt lanciert mit dem Ziel, dass hundert Schulklassen der Zentralschweiz Hecken aufwerten oder pflanzen und diese über zwei bis vier Jahre betreuen und untersuchen. Aktuell arbeiten 64 Schulklassen an ihren Hecken.

Der Erfolg des Dornröschen-Projektes hat im übrigen dazu geführt, dass die Zentralschweizer Kantone die Heckenaufwertung als Massnahme L9d («Hecke durch regelmässige selektive Pflege aufwerten») in den Katalog der Landschaftsqualitäts-Beiträge aufgenommen haben. So ist die Vorstellung, dass Hecken nicht nur die Landschaft verschönern, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Biodiversität beitragen können, Realität geworden.

 

Simon Birrer ist als Vertreter von BirdLife Luzern Mitglied der Steuerungsgruppe des Projektes Dornröschen. Er arbeitet an der Schweizerischen Vogelwarte Sempach. 

Franz Xaver Kaufmann ist Fachspezialist in der Dienststelle Landwirtschaft und Wald des Kantons Luzern und engagiert sich ebenfalls in der Steuerungsgruppe. 

 

Heckenqualität


Die Kriterien für die ökologische Qualität einer Hecke sind in der Direktzahlungsverordnung des Bundes festgehalten. 

Die Hecke erreicht die Qualitätsstufe II, wenn:
■ die Breite ohne Krautsaum mindestens 2 Meter beträgt,
■ der Krautsaum beidseitig der Hecke mindestens 3 Meter und maximal 6 Meter breit ist,
■ die Hecke nur aus einheimischen Gehölzen aufgebaut ist,
■ die Hecke auf 10 Laufmeter mindestens 5 verschiedene Strauch- und Baumarten aufweist,
■ die Strauchschicht zu mindestens 20 Prozent aus dornentragenden Sträuchern aufgebaut ist oder auf 30 Laufmeter mindestens ein landschaftstypischer Baum mit einem Stammumfang von 1,7 Metern wächst.

Jetzt Ornis abonnieren und weiterlesen!

Ornis ist die Zeitschrift über Vögel, Natur und Naturschutz. Entdecken Sie 6-mal im Jahr wunderbar bebilderte Berichte, Reportagen aus dem In- und Ausland, Portfolios und vieles mehr!

Haben Sie ein Abo? Melden Sie sich an (Link ganz oben) und lesen Sie innert Sekunden weiter.
 

Jetzt Ornis abonnieren und weiterlesen!