Nach 20 Jahren intensiver Arbeit ist es geschafft: Als erster Kanton der Schweiz verfügt das Tessin über einen spezifischen Aktionsplan für den Steinkauz. Noch 2004 stand es dramatisch um die kleine nachtaktive Eule: nur vier Paare lebten damals in der Magadinoebene. Doch Ficedula, die BirdLife-Landesorganisation der italienischen Schweiz, setzte sich mit grossem Engagement und in enger Zusammenarbeit mit dem Kanton für den Erhalt der Art ein.
Schon wenige Jahre später ermöglichte der Kanton eine erste systematische Erfassung der verbliebenen Nistplätze – der Auftakt zu gezielten Fördermassnahmen. Seit 2009 setzen BirdLife und Ficedula das Projekt zugunsten des Steinkauzes gemeinsam um. Mit Erfolg: Heute zählt der Steinkauz im Tessin wieder über 20 Brutpaare, 2021 wurde mit 24 Paaren der bisherige Höchststand erreicht – und nach 15 Jahren Abwesenheit brütet er auch im Mendrisiotto wieder. Ein Erfolg, der nur dank Fördermassnahmen möglich war.
Ein massgeschneiderter Plan
Der Steinkauz gehört zu den stark gefährdeten Vogelarten der Schweiz. Schon 2007 wurde er in der kantonalen Vogelstrategie des Tessins als Prioritätsart bezeichnet – mit dem klaren Auftrag, einen spezifischen Aktionsplan auszuarbeiten. Solche Pläne dienen Bund und Kantonen dazu, die Erhaltung besonders bedrohter Arten strategisch anzugehen: Sie definieren die wichtigsten Gebiete, benennen Bedrohungen und schlagen konkrete Massnahmen zur Förderung der Populationen vor. Für den Steinkauz existiert bereits ein nationaler Plan mit dem Ziel, bis 2031 mindestens 300 Brutpaare zu erreichen – 50 davon im Tessin.
Bis heute hat das Amt für Natur und Landschaft des Kantons Tessin 22 Aktionspläne umgesetzt: darunter acht für Libellenarten, fünf für Fledermäuse, je zwei für Reptilien und Schmetterlinge und je einen für eine Heuschrecke und eine Ameise. Bei den Vögeln gab es bislang Aktionspläne zu Flussuferläufer, Flussregenpfeifer und Uhu. Höchste Zeit also, dass der Steinkauz ebenfalls in den Fokus rückt. Der nun vorliegende Plan wurde von BirdLife Schweiz und Ficedula im Auftrag des Kantons erarbeitet.
Über die Jahre hinweg wurde der Steinkauz in der Schweiz, aber auch grenzüberschreitend intensiv erforscht. Seit 2022 sind auch die Bestände jenseits der Grenze in Italien besser bekannt – sie spielen eine wichtige Rolle für die Tessiner Vögel, insbesondere im Mendrisiotto und wohl auch im Raum Lugano. Denn der Zustand der italienischen Populationen wirkt sich direkt auf die Entwicklung der angrenzenden Schweizer Gebiete aus.
Der Steinkauz ist ein Bewohner traditioneller Kulturlandschaften, die auch vielen anderen bedrohten Arten als Lebensraum dienen. Ohne die Kooperation mit der Landwirtschaft ist sein Schutz undenkbar. Seine Lebensweise, seine Ansprüche und wirksame Schutzmassnahmen sind heute gut dokumentiert. Zahlreiche laufende Projekte – etwa die Artenförderungsprogramme Tessin von Ficedula und BirdLife Schweiz (siehe Ornis 4/22) oder das trinationale BirdLife-Steinkauzprogramm (siehe Ornis 5/24) – zeigen eindrücklich, wie viel durch gezielte Arbeit erreicht werden kann.
Der neue Aktionsplan versteht sich als konkretes Arbeitsinstrument. Im Zentrum stehen: eine aktuelle Bestandserhebung, die Identifikation prioritärer und potenzieller Lebensräume, die Analyse möglicher Konflikte in früheren und heutigen Brutgebieten sowie praktische Empfehlungen für Bewirtschaftung und Förderung. Alles mit dem Ziel, die bestehenden Bestände in der Magadinoebene und im Mendrisiotto zu sichern und eine Ausbreitung zu fördern.
Ein Zeitplan gibt die Richtung vor. Kurzfristig, innerhalb der nächsten fünf Jahre, sollen die bekannten Bestände erhalten und die Lebensräume in potenziellen Gebieten weiter aufgewertet werden. Mittelfristig, also innerhalb von zehn Jahren, sollen die 20 Gebiete in der Magadinoebene konsolidiert werden. Besonders zwischen Bellinzona und Biasca sind weitere Lebensraumverbesserungen nötig, damit der Steinkauz in der Riviera und im Bleniotal wieder heimisch werden kann.
Langfristig, also über mehr als zehn Jahre, soll sich die Population weiterentwickeln – auch durch die gezielte Vernetzung mit den benachbarten Beständen in den italienischen Provinzen Varese und Como. Das Herzstück des Plans ist ein umfassendes Inventar der Fortpflanzungsgebiete in der Magadinoebene und im Mendrisiotto, das insgesamt 48 Datenblätter umfasst. Ergänzt wird das Inventar durch Gebiete, die ein Computermodell als besonders geeignet identifiziert hat. Das Verzeichnis wächst mit neuen Beobachtungen und kann bei Bedarf angepasst werden. Die Datenblätter enthalten Informationen zur Geschichte der Beobachtungen (auch anderer empfindlicher Arten), zu Bedrohungen und zu fördernden Massnahmen.
Neben den bekannten Hotspots in der Magadinoebene und im Mendrisiotto hebt der Plan die Bedeutung weiterer Regionen hervor, in denen Fördermassnahmen umgesetzt werden sollen. Es sind dies vor allem die Riviera, das Bleniotal sowie Teile rund um Lugano. Diese Gebiete können eine Verbindung zwischen den beiden bestehenden Populationen schaffen, die rund 30 Kilometer voneinander entfernt sind.
Massnahmen konsequent weiterführen
Trotz aller Erfolge ist klar: Die Ziele des nationalen Aktionsplans sind noch lange nicht erreicht. Der Bestand wächst nur, wenn Schutzmassnahmen konsequent weitergeführt werden. Denn Lebensraumverlust, das Fehlen natürlicher Nisthöhlen und ein schwindendes Nahrungsangebot gefährden die Art nach wie vor stark. Die Erfahrungen aus dem Tessin und die Umsetzung des Aktionsplans bieten eine echte Chance, dass der Steinkauz verlorene Lebensräume zumindest teilweise zurückerobern kann.
BirdLife Schweiz und Ficedula unterstützen das Amt für Natur und Landschaft bei der Umsetzung dieses Meilensteins im Artenschutz. Denn vom Aktionsplan profitieren auch Arten wie Zwergohreule, Turteltaube oder Wendehals – und mit ihnen die Biodiversität der gesamten Tessiner Kulturlandschaft.
Dr. Chiara Scandolara ist Leiterin Artenförderung für BirdLife Schweiz im Tessin. Roberto Lardelli ist Präsident von Ficedula, der BirdLife-Landesorganisation der Italienischen Schweiz.
Artenförderprogramme wie die Steinkauz-Projekte benötigen viel Geld. Dabei ist BirdLife dringend auf Spenden angewiesen. Helfen auch Sie mit, die Projekte zu finanzieren? Ganz herzlichen Dank!
BirdLife Schweiz, Postfach, 8036 Zürich, PC 80-69351-6, Vermerk: Steinkauz
IBAN: CH71 0900 0000 8006 9351 6.
Online: birdlife.ch/spenden (Zweck: Steinkauz-Projekte)
Das Tessin als Vorreiter